Der Auster(n)fischer in Brehms Tierleben

Austernfischer (Brehms Tierleben)

Wer irgend eine Küste der Nordsee besucht, wird gewiß die Bekanntschaft eines Strandvogels machen, welcher hier fast aller Orten häufig vorkommt und sich durch sein Betragen so auszeichnet, daß man ihn nicht übersehen kann. Die Küstenbewohner sind mit ihm ebenso vertraut worden, wie wir mit einem unserer Raben oder mit dem Sperlinge: darauf hindeutet schon sein Namenreichthum. Der Austerfischer, Austersammler, Austerfresser, Austeregel und Austerdieb, die Meer-, See-, Strand- oder Was serelster, Heister- oder Elsterschnepfe, Seeschnepse usw. (Haematopus ostralegus, hypoleucus, balthicus, orientalis und longirostris, Scolopax pica, Ostralega pica und europaea, Ostralegus vulgaris), fällt auf durch seine Gestalt und hat außer seinen Sippschaftsangehörigen keine ihm wirklich nahe stehenden Verwandten, gilt daher mit Recht als Vertreter einer besonderen Unterfamilie (Haematopodinae), über deren Zusammengehörigkeit mit den Regenpfeifern sich rechten läßt. Ihn kennzeichnen gedrungener Leib und großer Kopf, welcher einen langen, geraden, sehr zusammengedrückten, vorn keilförmigen, harten Schnabel trägt, der mittelhohe, kräftige Fuß, dessen drei Zehen sich ebensowohl durch ihre Kürze wie ihre Breite und eine große Spannhaut zwischen der äußeren und mittleren auszeichnen, die mittellangen, aber spitzigen Flügel, in denen die erste Schwungfeder die längste ist, und der aus zwölf Federn gebildete ziemlich kurze, gerade abgeschnittene Schwanz. Im inneren Baue macht sich, laut Nitzsch, bemerklich: die bedeutende Entwickelung derjenigen Muskeln, welche die Kiefer bewegen, und mehrere hiervon theilweise abhängige Verhältnisse des Kopfgerüstes sowie auch gewisse Eigenthümlichkeiten des übrigen Gerippes und der Weichtheile. Die Wirbelsäule besteht aus dreizehn Hals-, neun Rücken- und neun Schwanzwirbeln. Das Gabelbein ist weniger als bei anderen Strandvögeln gekrümmt; die vier Hauptbuchten des Brustbeines sind sehr entwickelt, die neun Rippenpaare fallen auf durch ihre Schmächtigkeit, die Gaumenbeine durch ihre Breite; die Augenscheidewand ist mehrfach durchbrochen. Ausgebildete Nasendrüsen, welche als breite Polster die zwischen den Augen befindliche Gegend der Stirnbeine bedecken, die kurze, am hinteren Rande mit hornigen Zähnen besetzte Zunge, der dickwandige, reichmuskelige Vormagen, der schwachmuskelige Magen und der sehr lange Darmschlauch mögen außerdem noch hervorgehoben werden. Das Gefieder ist auf der Oberseite, dem Vorderhalse und Kropfe schwarz, etwas schillernd, auf dem Unterrücken und Bürzel, unter dem Auge, auf der Brust und dem Bauche weiß; die Handschwingen und Steuerfedern sind an der Wurzel weiß, übrigens schwarz. Das Auge ist lebhaft blutroth, am Rande orangefarbig, ein nackter Ring um dasselbe mennigroth; der Schnabel zeigt dieselbe Färbung, hat aber eine lichtere Spitze; die Füße sehen dunkelroth aus. Die Länge beträgt zweiundvierzig, die Breite zweiundachtzig, die Fittiglänge fünfundzwanzig, die Schwanzlänge elf Centimeter. Das Weibchen ist etwas kleiner und das Schwarze an der Vorderbrust bei ihm auf einen geringen Raum beschränkt. Im Winterkleide zeigt die Gurgel einen weißen halbmondförmigen Fleck.

Vom Nordkap oder vom Finnischen Meerbusen an bis zum Kap Tarifa hat man den Austerfischer an allen europäischen Küsten beobachtet, besonders häufig da, wo die Küste felsig ist. Ebenso findet er sich auf den Inseln der Nordsee und allen Küsten des Eismeeres und auffallenderweise auch an großen Strömen Nordasiens, so, nach unseren Beobachtungen, am ganzen unteren Ob. Nach Südeuropa kommt er während des Winters, aber keineswegs häufig; denn seine Wanderungen sind in mehrfacher Hinsicht eigenthümlich. So verläßt er den Strand der Ostsee regelmäßig, während er auf Island bloß vom Nordrande zur Südküste zieht. Die Erklärung hiervon ist nicht schwer zu geben: unser Vogel verweilt da, wo der Golfstrom die Küste bespült, jahraus jahrein, und verläßt sie da, wo die See im Winter zufriert, er also zum Wandern gezwungen wird. Gelegentlich seiner Reisen zieht er soviel wie möglich der Küste nach, überfliegt ohne Bedenken einen Meerestheil, höchst ungern aber einen Streifen des Festlandes, gehört deshalb bei uns im Binnenlande überall zu den seltenen Vögeln. Diejenigen Austerfischer, welche die Nord- und Ostsee verlassen, finden schon an den französischen Küsten geeignete Herbergen, während diejenigen, welche im Chinesischen Meere leben, ihre Reise bis nach Südindien ausdehnen.

So plump und schwerfällig unser Vogel aussieht, so bewegungsfähig zeigt er sich. Er läuft, in ähnlicher Weise wie der Steinwälzer, absatzweise, gewöhnlich schreitend oder trippelnd, nöthigenfalls aber auch ungemein rasch dahinrennend, kann sich, Dank seiner breitsohligen Füße, auf dem weichsten Schlicke erhalten, schwimmt, und keineswegs bloß gezwungen, vorzüglich und fliegt sehr kräftig und schnell, meist geradeaus, aber oft auch in kühnen Bogen und Schwenkungen dahin, mehr schwebend als die meisten übrigen Strandvögel. Seine Stimme, ein pfeifendes »Hyip«, wird bei jeder Gelegenheit ausgestoßen, zuweilen mit einem langen »Kwihrrrrr« eingeleitet, manchmal auch kurz zusammengezogen, so daß sie wie »Kwik, kwik, kewik, kewik« klingt. Am Paarungsorte trillert er wundervoll, wohltönend, abwechselnd und anhaltend.

Sein Betragen erklärt die Beachtung, welche ihm überall gezollt wird. Es gibt keinen Vogel am ganzen Strande, welcher im gleichen Grade wie er rege, unruhig, muthig, neck- und kampflustig und dabei doch stets wohlgelaunt wäre. Wenn er sich satt gefressen und ein wenig ausgeruht hat, neckt und jagt er sich wenigstens mit seinesgleichen umher; denn lange still sitzen, ruhig auf einer Stelle verweilen, vermag er nicht. Solches Necken geht zuweilen in ernsteren Streit über, weil jeder eine ihm angethane Unbill sofort zu rächen sucht. »Acht bis zehn dieser Vögel«, erzählt Graba, »saßen auf einem oder auf zwei Beinen im besten Schlafe neben einander, als plötzlich durch das Vorbeifliegen einer anderen Schar und durch deren Geschrei sie aus dem Schlafe aufwachen. Dabei trat unglücklicherweise einer dem anderen auf den Fuß. Sogleich kam es zum Zweikampfe. Mit vorgestrecktem Halse und Schnabel rückten beide wie Hähne auf einander los, schlugen sich mehrere Male mit den Flügeln und hackten sich mit dem Schnabel. Der Kampf währte nicht lange; denn der eine wich und sein Gegner begnügte sich, einige zornige und verächtliche Blicke, mit den nöthigen Geberden begleitet, nachzuschicken.« Solch innerlicher Hader ist übrigens selten unter einer Gesellschaft der Austerfischer, weil sie beständig Kämpfe mit fremdartigen Vögeln auszufechten haben. Aufmerksamer als jeder andere Küstenvogel, finden sie fortwährend Beschäftigung, auch wenn sie vollständig gesättigt sind. Jeder kleine Strandvogel, welcher naht oder wegfliegt, wird beobachtet, jeder größere mit lautem Rufe begrüßt, keine Ente, keine Gans übersehen. Nun nahen der Küste aber auch andere Vögel, welche jene als Feinde, mindestens als Störenfriede der Gesammtheit kennen gelernt haben. Sobald einer von diesen, also ein Rabe oder eine Krähe, eine Raub- oder große Seemöve, von weitem sich zeigt, gibt ein Austerfischer das Zeichen zum Angriffe, die übrigen erheben sich, eilen auf den Feind zu, schreien laut, um seine Ankunft auch anderen Vögeln zu verrathen, und stoßen nun mit größter Wuth auf den Eindringling herab. In diesem Gebaren gleichen sie ganz den Kiebitzen; ihre Waffe ist aber vorzüglicher und der Erfolg um so sicherer. Daß das übrige Strandgeflügel bald lernt, ihre verschiedenen Stimmlaute zu deuten, den gewöhnlichen Lockton z.B. vom Warnungsruf zu unterscheiden, versteht sich von selbst. Da, wo es Austerfischer gibt, sind sie es, welche vor allen übrigen das große Wort führen und das Leben des vereinigten Strandgewimmels gewissermaßen ordnen und regeln. Dem Menschen weichen die listigen Geschöpfe überall mit der nöthigen Vorsicht aus. Sie kennen den Hirten, den Fischer, wissen, daß diese beiden ihnen selten oder niemals beschwerlich fallen und lassen sie deshalb ohne Bedenken nahe herankommen; aber sie betrachten jeden anderen Menschen mit mißtrauischen Blicken und gestatten dem Jäger wohl einmal, nicht aber fernerhin, ihnen so nahe auf den Leib zu rücken, daß er einen erfolgreichen Schuß abgeben kann.

Welcher Handlung der Austerfischer seinen gewöhnlichen Namen verdankt, ist schwer zu sagen, denn er fischt gewiß niemals Austern. Allerdings nimmt er gern kleinere Weichthiere auf, frißt auch wohl eine größere Muschel aus, welche todt an den Strand geschleudert wurde, ist aber nicht im Stande, eine solche zu öffnen. Seine Nahrung besteht vorzugsweise aus Gewürm, und wahrscheinlich bildet der Uferwurm den größten Theil seiner Speise. Daß er dabei einen kleinen Krebs, ein Fischchen und ein anderes Seethier nicht verschmäht, bedarf der Erwähnung nicht, ebensowenig, daß er in der Nähe des an der Küste weidenden Viehes Kerbthiere erjagt. Muscheln und Steinchen wendet er vielleicht noch häufiger um als der Steinwälzer.

Diejenigen Austerfischer, welche als Strandvögel betrachtet werden können, beginnen um die Mitte des April, die, welche wandern, etwas später mit dem Nestbaue. Die Vereine lösen sich, und die Pärchen vertheilen sich auf dem Brutplatze. Jetzt vernimmt man hier das Getriller der Männchen fortwährend, kann auch Zeuge ernster Kämpfe zweier Nebenbuhler um ein Weibchen werden. Dagegen leben die Austerfischer auch auf dem Brutplatze mit allen harmlosen Vögeln, welche denselben mit ihnen theilen, im tiefsten Frieden. Kurze, grasige Flächen in der Nähe der See scheinen ihre liebsten Nistplätze zu sein; wo diese fehlen, legen sie das Nest zwischen den von Hochfluten ausgeworfenen Tangen am Strande an. Das Nest ist eine seichte, selbstgekratzte Vertiefung; das Gelege besteht aus drei, oft auch nur aus zwei sehr großen, bis sechzig Millimeter langen, vierzig Millimeter dicken, spitzigen oder rein eiförmigen, festschaligen, glanzlosen, auf schwach bräunlich rostgelbem Grunde mit hellvioletten oder dunkel graubraunen und grauschwarzen Flecken, Klexen und Punkten, Strichen, Schnörkeln usw. gezeichneten Eiern, welche übrigens vielfach abändern. Das Weibchen brütet sehr eifrig, in den Mittagsstunden aber nie, weshalb es auch von dem Männchen nicht abgelöst wird; doch übernimmt dieses die Sorge für die Nachkommenschaft, wenn die Mutter durch irgend einen Zufall zu Grunde geht. Nach etwa dreiwöchentlicher Bebrütung entschlüpfen die Jungen und werden nun von den Alten weggeführt. Bei Gefahr verbergen sie sich gewöhnlich, wissen aber auch im Wasser sich zu bewegen; denn sie schwimmen und tauchen vortrefflich, können sogar auf dem Grunde und unter Wasser ein Stück weglaufen. Beide Alten sind, wenn sie Junge führen, vorsichtiger und kühner als je.

Am leichtesten kann man die Austerfischer berücken, wenn man zur Zeit ihres Mittagsschläfchens auf sie ausgeht; ihre Sinne sind aber so sein, daß man ihnen auch dann vorsichtig nahen muß, weil sie die Tritte eines gehenden Menschen hören oder doch verspüren. Erschwert wird die Jagd noch ganz besonders dadurch, daß sie ein überaus zähes Leben besitzen und einen sehr starken Schuß vertragen. Uebrigens jagt wohl nur der Naturforscher oder der Sonntagsschütze ernsthaft auf Austerfischer, weil deren Wildpret von der Nahrung einen so widerwärtigen Geschmack annimmt, daß es gänzlich ungenießbar wird. Dagegen gelten deren Eier mit Recht als höchst schmackhafte Speise. Liebhaber fangen sich einen oder den anderen, um den anziehenden Gesellen in der Gefangenschaft beobachten zu können. Laufschlingen, welche dort, wo sich viele dieser Vögel umhertreiben, gestellt werden, führen regelmäßig zum Ziele, und die Eingewöhnung der gefangenen verursacht keine Mühe. Wenn man ihnen anfänglich einige Krabben, zerkleinertes Fischfleisch, zerhackte Muscheln und dergleichen vorwirft, kann man sie bald ans einfachste Stubenfutter, aufgeweichtes Milchbrod nämlich, gewöhnen. Die Alten verlieren bald ihre Scheu vor dem Menschen, d.h. sobald sie zu der Ueberzeugung gekommen sind, daß dieser ihnen wohl will. Sie vertragen sich auch mit allen übrigen Vögeln, welche man mit ihnen zusammenbringt, und leisten diesen nach wie vor ihre Wächterdienste. »Ein Paar Austerfischer«, erzählt Gadamer, »welche ich vom Neste aus groß gezogen hatte, waren so zahm, daß sie mich sogar an meiner Stimme erkannten und mich, sobald sie dieselbe vernahmen, mit lautem Zurufe begrüßten. Ich ließ sie unter meinen Haushühnern frei umherlaufen, und nie waren die Hühner so sicher vor dem Habichte, als so lange sie diese treuen Wächter hatten, welche die Ankunft eines solchen Räubers sofort durch ihr weit tönendes Angstgeschrei zu erkennen gaben und sich bei den Hühnern bald Nachachtung zu verschaffen wußten.« Leider verbleichen Schnabel und Füße schon nach kurzer Gefangenschaft.

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