Der (Afrikanische) Nimmersatt in Brehms Tierleben

Nimmersatt (Brehms Tierleben)

Der Nimmersatt (Tantalus Ibis, rhodinopterus und longirostris, Ibis candida) Vertreter einer gleichnamigen Sippe (Tantalus) und, nach Ansicht einzelner Forscher, einer besonderen Unterfamilie (Tantalinae), ist weiß, auf dem Rücken rosenroth überflogen, auf den Flügeldecken und Schulterfedern durch einen vor der weißen Spitze stehenden rosenrothen oder purpurfarbenen, schmal dunkler gesäumten Querfleck gezeichnet; die Schwung- und Steuerfedern sind glänzend grünschwarz, die unteren Flügeldeckfedern den oberen ähnlich, aber noch prachtvoller gefärbt. Das Auge ist gelblichweiß, der Schnabel wachsgelb, der Fuß blaßroth, das nackte Gesicht zinnoberroth. Die jungen Vögel tragen ein bescheidenes Gewand, welches auf Hals und Mantel aschgrau, übrigens gilblichgrau aussieht. Die Länge beträgt neunzig bis einhundertundvier, die Breite einhundertundsechzig bis einhundertundsiebzig, die Fittiglänge siebenundvierzig bis funfzig, die Schwanzlänge etwa funfzehn Centimeter.

Mittelafrika ist die Heimat des Nimmersatts. Vom achtzehnten Grade südlicher Breite an hat man ihn an allen durchforschten Gewässern des Inneren, einzeln auch nahe an den Seeküsten gefunden. In Egypten mag zuweilen einer und der andere vorkommen; sicherlich aber gehört dies zu den Seltenheiten: ich erinnere mich nicht, den Vogel nördlich von Dongola gefunden zu haben. Bei Chartum ist er nicht selten, am Blauen und Weißen Nile stellenweise häufig. Er erscheint hier ungefähr um dieselbe Zeit, welche den dortigen Hausstorch und den Ibis ins Land führt, verweilt während der Regenzeit und verschwindet nach ihr bis auf wenige Nachzügler wieder. Im August trägt er sein Prachtkleid; demnach ist anzunehmen, daß die Brutzeit in den September fällt.

Soviel ich mich erinnere, habe ich ihn immer nur im Wasser oder doch in der Nähe desselben gefunden, niemals so weit von den Flüssen entfernt wie die Störche oder auch die Kraniche. Er scheint sich ebenso gern an den kahlen Uferstellen der Ströme wie in den grasreichen Regenteichen aufzuhalten. In den Morgen- und Abendstunden betreibt er seine Jagd, welche Kleingethier ohne Ausnahme, also auch Säugethieren und jungen Vögeln zu gelten scheint, obgleich Fische, Wasserlurche und Würmer wohl die Hauptnahrung bilden mögen; mittags sieht man ihn, und gewöhnlich in zahlreichen Scharen, auf Sandinseln im Strome oder im seichten Wasser stehen, auch auf Bäumen ausruhen. In seinem Gange und Fluge ähnelt er unserem Storche so, daß ich einen eigentlichen Unterschied der Bewegung von beiden nicht anzugeben weiß. Doch nimmt er sich fliegend schöner aus als jener, weil seine prachtvolle Flügelfärbung zur Geltung kommt. Unter anderem Sumpfgeflügel treibt er sich umher, bildet aber immer mehr oder weniger abgesonderte Gesellschaften inmitten des Gewimmels und behauptet, namentlich wenn er ruht, seinen eigenen Platz.

Ueber die Fortpflanzung habe ich leider eigene Beobachtungen nicht anstellen können; auch sind mir Mittheilungen anderer Reisenden nicht bekannt. Ein in Gefangenschaft gelegtes Ei ist, laut Nehrkorn, achtundsechzig Millimeter lang, fünfundvierzig Millimeter dick, länglich eiförmig, starkschalig, wenig glänzend und auf weißem Grunde wolkig gelb gefleckt. Jerdon berichtet, daß der Nimmersatt regelmäßig in Gesellschaften auf hohen Bäumen nistet, einen großen Horst errichtet und drei bis vier, auf weißem Grunde schwach gilblich gefleckte Eier legt.

In der Neuzeit sind mehrfach junge Nimmersatts von Westafrika her lebend nach Europa gelangt.

Ihre Haltung verursacht keinerlei Schwierigkeiten, da sie mit demselben Futter vorlieb nehmen, welches man dem Storche reicht. An letzteren erinnert ihr Betragen; sie zeichnen sich jedoch durch sanfteres Wesen und außerordentliche Verträglichkeit zu ihrem Vortheile aus. Laut Bodinus ist das merkwürdigste an diesem Vogel, daß er den geöffneten Schnabel ins Wasser steckt, als ob er erwarte, daß seine Beute ihm ohne weiteres in den Schlund hineinspazieren müsse. »Dieses Benehmen paßt schlecht zu dem Namen ›Nimmersatt‹; unser Vogel verdient diesen Namen aber auch in anderer Hinsicht keineswegs. Er ist durchaus nicht gefräßiger als seine Verwandten; ich möchte ihn vielmehr mäßiger nennen. Sein Betragen bekundet Gemächlichkeit und Seelenruhe. Würdevoll schreitet er in seinem Raume umher, ruhig und bedachtsam betrachtet er sich die vorübergehenden; mit scheinbarer Herablassung beschäftigt er sich mit anderen Vögeln; und wenn er im reiferen Alter sein prachtvolles Gefieder angelegt hat, gehört er wirklich zu den schönsten Parkvögeln, welche man halten kann. Der deutsche Himmel sagt ihm aber nicht zu, und Frost kann er gar nicht vertragen. Bei geringer Kälte schon erfriert er die Zehen oder zieht sich eine Darmentzündung zu, an welcher er in der Regel zu Grunde geht. Hält man ihn in einem größeren, unbedeckten Gebauer, in welchem er seine Schwingen gebrauchen darf, so pflegt er den größten Theil des Tages auf Bäumen zuzubringen und nur, wenn er Nahrung sucht, auf den Boden herabzukommen.« In einigen Thiergarten hat er genistet, im Berliner Garten sogar mit dem Weißhalsstorche sich gepaart und Eier gelegt, nicht aber Junge erzielt.

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