Daniel Kraus: Whalefall (Hörbuch)(Rezension)


Obwohl es ein aussichtsloses Unterfangen ist, hat sich Jay Gardiner an der Pazifikküste vor Monastery Beach auf die Suche nach den sterblichen Überresten seines Vaters gemacht. Er glaubt, dass es die einzige Möglichkeit ist, seine Schuldgefühle loszuwerden, die er seit dem Selbstmord seines Vaters mit sich herumträgt.
Bei einem Tauchgang wird er von den Tentakeln eines Riesenkalmars erfasst, der kurz darauf von einem Pottwal auf der Suche nach Futter angegriffen wird. Gemeinsam landen sie in einem der vier Mägen des riesigen Wals …
Jay hat nur eine Stunde Zeit, bevor ihm der Sauerstoff ausgeht – eine Stunde, um seine Dämonen zu besiegen und aus dem Bauch des Wals zu entkommen.
Ein wissenschaftlich exakter Thriller, der in einer absurd unwahrscheinlichen Umgebung spielt. Ein emotionales und wahnsinnig unterhaltsames Abenteuer. Doch der Star des Buches ist eindeutig der Wal – gewaltig, unergründlich und intelligent. Und er ist sich, wie Jay, seiner Sterblichkeit sehr bewusst.

Es gibt Horrorgeschichten, die von übernatürlichen Monstern, gefährlichen Tieren, grausamen Mördern oder unerklärlichen Phänomenen leben. Und dann gibt es WHALEFALL von Daniel Kraus – einen Roman, der beweist, dass die Natur selbst eine erschreckendere Bedrohung darstellen kann als jedes erfundene Ungeheuer.
Was zunächst wie ein ungewöhnlicher Survival-Thriller klingt, entwickelt sich zu einer beklemmenden Mischung aus körperlichem Überlebenskampf, psychologischem Drama und einer tieftraurigen Auseinandersetzung mit familiären Verletzungen.
Natürlich muss so ein Buch mein Interesse wecken, an sich ist die Ausgangssituation, die beworben wird, schon außergewöhnlich genug. Und ich gebe zu, dass ich mehr eine Art Monsterstory erwartet hätte, auch wenn das wohl eher einen Imageschaden für den Pottwal bedeutet hätte.
Der Pottwal ist der größte Zahnwal der Erde und erreicht eine Länge von etwa 18 Metern. Charakteristisch sind sein gewaltiger, kantiger Kopf und seine Fähigkeit, über 2.000 Meter tief zu tauchen. Er ernährt sich hauptsächlich von Tintenfischen, darunter Riesenkalmaren, und lebt in nahezu allen Weltmeeren, bevorzugt in tiefen Gewässern.
Architeuthis dux, der Riesenkalmar, gehört zu den größten wirbellosen Tieren der Erde und erreicht einschließlich seiner Tentakel eine Länge von etwa 13 Metern. Er bewohnt die Tiefsee, besitzt riesige Augen und zehn Arme beziehungsweise Fangtentakel. Als geschickter Räuber ernährt er sich hauptsächlich von Fischen und Tintenfischen.
Pottwale besitzen einen relativ großen Schlund und verschlingen große Beutetiere. Theoretisch könnte ein Mensch in den Schlund gelangen. Ein wissenschaftlich gesicherter Fall, bei dem ein Mensch vollständig von einem Pottwal verschluckt wurde, ist jedoch nicht bekannt.
Ich habe mich das aber auch schon gefragt ob es möglich ist von großen Walen verschluckt zu werden… So wirklich befriedigend war die Antwort in WHALEFALL dann aber nicht.
Obwohl Blauwale die größten Tiere der Erde sind und gewaltige Wassermengen aufnehmen, ist ihr Schlund vergleichsweise eng. Ein erwachsener Mensch könnte normalerweise nicht hindurchgelangen. Ein versehentliches Aufnehmen ins Maul wäre theoretisch denkbar, ein vollständiges Verschlucken dagegen praktisch ausgeschlossen. Das nur nebenbei bemerkt.
Und was eine Begegnung zwischen Riesenkalmar und Taucher betrifft … so wie es im Buch gezeigt wird, ist mir das nicht bekannt.
Und eigentlich wollte ich gar keinen Ausflug in den Realismus machen … aber manchmal ist es leicht vom Thema abzuschweifen. Wie gesagt, die Idee vom Wal verschluckt zu werden ist durchaus interessant (das kennt man auch schon von der Bibel und Pinocchio), hier auch einigermaßen wissenschaftlich erklärt, nur hat mich die Geschichte im Großen und Ganzen nicht überzeugen können. Tatsächlich hatte ich mir mehr erwartet.
Die Stärke des Romans liegt in seiner beklemmenden Atmosphäre. Kraus versteht es durchaus, die körperlichen und psychischen Qualen seines Protagonisten greifbar zu machen.
Die Dunkelheit, die Enge, die Feuchtigkeit und die zunehmende Atemnot erzeugen ein nahezu klaustrophobisches Leseerlebnis, oder Hörerlebnis wie in meinem Fall.
Kraus nutzt die Anatomie des Wals als Grundlage für eine außergewöhnliche Horrorkulisse. Allerdings sollte man die geschilderten Überlebensmöglichkeiten nicht als wissenschaftlich realistisch betrachten. Der Roman nimmt sich erhebliche biologische Freiheiten, um seine spektakuläre Ausgangsidee umzusetzen. Was aber auch legitim ist, immerhin handelt es sich um Unterhaltungsliteratur, da darf man sich als Autor Freiheiten erlauben und der Leser ist gewillt das Geschehen zu glauben. Immerhin ist es Kraus gelungen einen Thriller zu schreiben, der sowohl Pottwal als auch Riesenkalmar nicht als Monster darstellen. Es ist eher Zufall als Absicht, dass Jay im Magen des Wals landet, nichts Bösartiges steckt dahinter.
Die Beziehung zwischen Vater und Sohn bildet das emotionale Zentrum des Romans. Während Jay im Inneren des Wals um sein physisches Überleben kämpft, muss er sich gleichzeitig mit Erinnerungen, Schuldgefühlen und unausgesprochenen Konflikten auseinandersetzen.
Die Parallele ist offensichtlich, aber wirkungsvoll: So wie Jay im Körper des Wals gefangen ist, steckt er auch emotional in seiner Vergangenheit fest.
Kraus gelingt es über weite Strecken, beide Handlungsebenen miteinander zu verbinden, ohne dass der Roman zu einem reinen Familiendrama wird.
Allerdings nimmt der Roman teilweise auch sehr philosophische Züge an. Der Wal als Sinnbild für Tod, Wiedergeburt, familiäre Traumata und persönliche Befreiung lässt wenig Raum für subtilere Interpretationen. Während er sich im Bauch des Wals befindet, hört Jay eine Stimme und spricht mit ihr; eine Verschmelzung seines Vaters und des Wals zu einem einzigen Wesen zu sein. Das fand ich etwas verstörend und auch wenn es Gerrit Petersen in der Hörbuchfassung gut in Szene gesetzt hat … ich fand es wenig passend. Fast hatte ich das Gefühl, der Autor will zu viel: Familiendrama, Monsterthriller, mit spiritueller, philosophischer Komponente. Da hätte ich es fast besser gefunden wenn sich die Geschichte anders entwickelt hätte. Dann hätten diese Gespräche besser gepasst. Aber das Ende werde ich nicht spoilern.
Ja, es gibt gute Szenen im Roman, die ich auch gerne in der Filmfassung sehen möchte, aber über weite Strecken konnte mich die Handlung nicht packen, zumal sie, abgesehen von den tolerierbaren wissenschaftlichen Freiheiten, auch etwas konstruiert wirkt. Da findet Jay im Inneren des Wals genau die Dinge, die er zum Überleben brauchte.
Der Schreibstil ist okay, der Grundgedanke auch. Die Umsetzung war nicht nach meinem Geschmack. Aber … Gerrit Petersen, der das Hörbuch spricht sorgt trotz der nicht ganz überzeugenden Story für eine gewisse Art von Hörgenuss. Er wirkt authentisch und führt souverän an den weniger realistischen (oder den Gesprächen zwischen Jay und … sich selbst? dem Wal? seinem toten Vater? vorbei. Ich kann also nicht sagen, dass ich mich nicht gelangweilt habe, auch wenn die Handlung an sich nicht vollkommen überzeugend war.
Leser/Hörer von klaustrophobischem Horror und extremen Überlebensgeschichten werden vielleicht Vergnügen finden, mich hat WHALEFALL in mehr als einer Hinsicht enttäuscht.

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Der Film kommt heute in die deutschen Kinos. Und ja, er interessiert mich schon, aber im Kino werde ich ihn mir nicht anschauen. Ein paar Monate/Jahre kann ich schon warten bis ich in zuhause sehen kann. Denn, nur weil das Buch mich nicht überzeugen kann, muss das auf den Film nicht zutreffen … es gibt genug Beispiele für Filme, die besser sind als die Vorlage (siehe hier)

Ach ja…. ein etwas längerer Nachtrag, der mit WHALEFALL nichts zu tun hat … nur gut zur Thematik passt (und ich hier sowieso schon so viel geschrieben habe, was nicht direkt mit dem Buch zusammenhängt, dass es schon keinen Unterschied mehr macht, wenn da noch mehr kommt)

James Bartley (1870–1909) war (angeblich) eine der wenigen (oder die einzige) Personen, die von einem Pottwal im Ganzen verschluckt wurde. Tage später fand man ihn noch lebend im Magen des Wals, der durch einen Harpunentreffer verendet war.
Die Geschichte erschien zunächst anonym in amerikanischen Zeitungen. Der anonyme Artikel wurde im St. Louis Globe-Democrat (St. Louis, Missouri) veröffentlicht; anschließend erschien die Meldung unter Titeln wie „A Modern Jonah“ (Ein moderner Jona) oder ähnlichen Überschriften auch in anderen Zeitungen.
Später wurde die Geschichte in internationalen Zeitungen nachgedruckt – etwa am 22. August 1891 im Yarmouth Mercury (Great Yarmouth, England) unter Schlagzeilen wie „Man in a Whale’s Stomach“ (Mann im Magen eines Wals) und „Rescue of a Modern Jonah“ (Rettung eines modernen Jona).
Der überlieferten Geschichte zufolge wurde Bartleys Boot während einer Walfangexpedition vor den Falklandinseln von einem Wal angegriffen, wobei Bartley im Maul des Tieres gelandet sein soll. Die Erzählung besagt, er habe überlebt und sei von seinen Kameraden im Magen des Wals entdeckt worden, als diese – ohne von seiner Anwesenheit zu wissen – das Tier fingen und mit dem Zerlegen begannen, da das Walfleisch bei dem heißen Wetter sonst verwest wäre. Es hieß, Bartley habe 15 Stunden im Inneren des Wals verbracht; seine Haut sei durch die Magensäure gebleicht worden, und er sei für den Rest seines Lebens blind geblieben. Einigen Berichten zufolge soll er jedoch schon nach drei Wochen wieder gearbeitet haben. Er starb 18 Jahre später; auf seinem Grabstein in Gloucester steht die Inschrift: „James Bartley – a modern day Jonah“ (James Bartley – ein moderner Jona).
Im Jahr 1896 erschien in der New York World ein Artikel mit dem Titel „A Modern Jonah Proves his Story“ (Ein moderner Jona beweist seine Geschichte); darin wurde ein kurzer Ausschnitt der Erzählung – wie sie von Reverend William Justin Harsha wiedergegeben wurde – zusammen mit einigen ersten Beobachtungen zitiert. Etwa eine Woche später folgte ein weiterer Artikel, der kurz einige Leserzuschriften zusammenfasste, gefolgt von einem dritten Artikel von William L. Stone, der eine ähnliche Geschichte über einen riesigen „menschenfressenden Hai“ schilderte.
Der französische Wissenschaftler De Parville veröffentlichte 1914 im Pariser Journal des Débats einen Bericht über den angeblichen Vorfall.
1991 wurden die Fakten vom Historiker Edward B. Davis eingehend untersucht; er wies auf zahlreiche Ungereimtheiten hin. Bei dem Schiff in der Geschichte handelt es sich um die *Star of the East*. Zwar existierte ein britisches Schiff dieses Namens, das zu der Zeit, als sich der Vorfall angeblich ereignete, in Fahrt war und sich zum fraglichen Zeitpunkt in der Nähe der Falklandinseln hätte befinden können, doch handelte es sich bei der betreffenden *Star of the East* nicht um ein Walfangschiff, und ihre Besatzungsliste enthielt keinen James Bartley. Zudem schrieb Mrs. John Killam, die Ehefrau des Kapitäns, einen Brief, in dem sie erklärte: „An der Wal-Geschichte ist kein wahres Wort. Ich war all die Jahre, die mein Mann auf der Star of the East verbrachte, bei ihm. Während mein Mann dort Dienst tat, ging nie ein Mann über Bord. Der Seemann hat da eine gewaltige Seemannsgarn-Geschichte erzählt.“ Davis vermutete, die Geschichte könnte durch den „Gorleston-Wal“ inspiriert worden sein – einen etwa 9,1 Meter (30 Fuß) langen Furchenwal, der kurz zuvor, im Juni 1891, nahe Great Yarmouth getötet worden war und für großes öffentliches Aufsehen gesorgt hatte.

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