Ausgestorbene Vögel (Spätquartäre Avifauna) 6

Aptornis otidiformis (© N. Tamura)

Aptornis (englischer Trivialname: Adzebill) ist die einzige Gattung der Familie Aptornithidae, ausgestorbener flugunfähiger Vögel, die auf Neuseeland heimisch waren. Sie gehören zur Ordnung der Kranichvögel, man nahm aber an, das sie sonst keine nahen Verwandten in der rezenten Avifauna haben. Eine im Februar 2019 publizierte Studie kam zu dem Ergebnis, dass es sich bei der afrikanisch-madegassischen Rallenfamilie Sarothruridae um die Schwestergruppe der Gattung Aptornis handelt, die damit auch ihr nächster rezenter Verwandter ist. Morphologische Ähnlichkeiten mit den Kagus haben offenbar eher etwas mit der konvergenten Entwicklung der Arten zu tun, als mit einer näheren Verwandtschaft.
Bis 2011 wurde die Gattung Aptornis durch die beiden Arten Aptornis defossor und Aptornis otidiformis repräsentiert. 2009 wurde in der Saint Bathans Fauna Formation in Zentral-Otago auf der Südinsel Knochenmaterial einer fossilen Form aus dem frühen Miozän entdeckt, die 2011 vorläufig als Aptornis proasciarostratus beschrieben wurde. Sie ist kleiner als Aptornis otidiformis.
Als Richard Owen im Jahre 1844 den ersten Knochen beschrieb, nahm er an, es handele sich um eine neuentdeckte Moaart und gab ihr den Namen Dinornis otidiformis. Erst als ein Schädel und ein Fuß gefunden wurden, erkannte man, dass es sich um eine bis dato unbekannte Vogelart handelte.
Die Aptornis erreichten eine Größe bis 80 Zentimeter. Aptornis otidiformis war auf der Nordinsel verbreitet und erreichte ein Gewicht von 16 kg. Aptornis defossor wurde 1871 von Richard Owen beschrieben. Die Art lebte auf der Südinsel und wog bis zu 19 kg. Der Schädel war sehr lang und der Schnabel nach unten gebogen. Die Zehen waren kurz und kräftig. Die Aptornis lebten vermutlich räuberisch und ernährten sich von großen Wirbellosen, Skinken, Geckos, Brückenechsen, nistenden Seevögeln und Enten.
Vermutlich starben die Aptornis Ende des 13. Jahrhunderts durch Überjagung und Lebensraumveränderung aus. Von Aptornis otidiformis sind die fossilen Überreste von etwa 78 Exemplaren und von Aptornis defossor die Überreste von etwa 100 Exemplaren erhalten geblieben.

Ardea bennuides ist nur von einem Tibiotarsusfragment bekannt, das in der Ausgrabungsstätte Umm an-Nar in den Vereinigten Arabischen Emiraten im Persischen Golf gefunden und formal 1977 von der dänischen Geologin Ella Hoch beschrieben wurde. Das stratigraphische Alter des Fragments wird auf die Zeit von 3050 v. Chr. (5000 yBP) datiert. Hochs Beschreibung besteht nur aus einer kurzen Zusammenfassung und gibt keinerlei Angaben über die Größe des Knochens und den genauen Fundort. Trotzdem gilt diese Beschreibung nicht als Nomen nudum, da ein Foto des Knochens veröffentlicht wurde. Ardea bennuides war größer als der Goliathreiher (Ardea goliath), die größte rezente Reiherart.
Hoch vermutet, dass Ardea bennuides als Inspiration für den Benu diente, ein Totenvogel, der auf zahlreichen Hieroglyphen im alten Ägypten dargestellt ist.

Der Niue-Nachtreiher (Nycticorax kalavikai) ist ein ausgestorbener Nachtreiher, dessen nächster lebender Verwandter der Rotrückenreiher (N. caledonicus) ist, wie sich sowohl aus dem Knochenbau als auch aus der geographischen Nähe beider Arten ergibt.
Knochen von mindestens vier Individuen dieses großen flugunfähigen Vogels wurden von Trevor H. Worthy 1995 in Niue gefunden und von Steadman im Jahr 2000 erstbeschrieben. Sie waren laut Radiokohlenstoffdatierung zwischen 5300 und 3600 Jahren alt und damit 1500 Jahre älter als die ältesten archäologischen Funde von menschlicher Besiedlung. Damit ist es die erste beschriebene Nycticorax-Art von Polynesien. Allerdings wurden auch auf Eua, einer der Tonga-Inseln, drei Knochen einer ausgestorbenen Nycticorax-Art gefunden. Auch von den Maskarenen sind drei Nycticorax-Arten bekannt, die vermutlich flugunfähig waren und nach der Besiedlung durch die Polynesier ausstarben. Auf Ascension existierte der ebenfalls ausgestorbene Ascension-Nachtreiher.
Von den lebenden und durchweg flugfähigen Nycticorax-Arten unterschied sich der ausgestorbene Niue-Nachtreiher unter anderem dadurch, dass seine Flügelknochen kleiner und die Beinknochen kräftiger waren.
Da Steadman aufgrund der Ernährung anderer Nachtreiher vermutete, dass Landkrabben einen wesentlichen Teil der Nahrung des Nachtreihers bildeten, wählte er die Worte kalavi (Landkrabbe) und kai (Futter) aus der Sprache Niues, um daraus das Artepithetum zu bilden.
Die Knochen des Niue-Nachtreiher stammen aus der Zeit vor der ersten menschlichen Besiedlung durch die Polynesier. Möglicherweise waren Jagd und Lebensraumverlust die Ursache für das Aussterben der Art.

Die Maui-Nui-Ibisse (Apteribis) sind eine Gattung ausgestorbener flugunfähiger Ibisse von den Hawaiiinseln Molokai, Lānaʻi und Maui. Maui-Nui-Ibisse waren früher offensichtlich häufig auf Maui anzutreffen. Die Apteribis-Arten könnten sich von Schnecken ernährt haben und zusammen mit den Rallen die Schnecken deutlich kurz gehalten haben.
Wahrscheinlich existierten die Ibisse nur auf den beiden Inseln Maui und Molokai, die während der letzten Eiszeit im Pleistozän aufgrund des damals niedrigeren Meeresspiegels zu der größeren Insel Maui Nui verbunden waren. Zwei Knochen von Apteribisarten wurden durch Radiokohlenstoffdatierung auf ein Alter von 1850 ± 270 und 7750 ± 500 Jahren bestimmt.
Bisher sind vier Arten der Gattung bekannt, von denen zwei als noch nicht vollständig gesichert gelten.
Apteribis brevis ist ein flugunfähiger Ibis, der nur aus Knochenfunden bekannt ist. Er ist kleiner als die zweite Art und hielt sich eher an den hochgelegenen Stellen der Insel auf. Das Epitheton brevis bedeutet kurz und bezieht sich auf den kurzen Schnabel und die geringe Größe dieses Ibis.
Es gab auf Maui wahrscheinlich eine zweite Apteribisart, die jedoch noch nicht offiziell beschrieben wurde, da die Zahl der Knochenfunde als dafür nicht ausreichend betrachtet wurde. Sie ist größer als Apteribis brevis und hielt sich eher in geringerer Höhe auf als die kleine Form.
Apteribis glenos: Ein flugunfähiger Ibis von Molokai, der nur aus Knochenfunden bekannt ist.
2011 wurde eine vierte Apteribis-Art von der Insel Lānaʻi erwähnt.

Teratornis merriami (© N. Tamura)

Die Teratornithidae sind eine Familie riesiger, geierähnlicher Vögel, die vom späten Miozän bis zum Pleistozän in Nord- und Südamerika vorkamen. Mit Argentavis magnificens gehört nach derzeitiger Kenntnis der größte flugfähige Vogel, der je gelebt hat, zu den Teratornithidae. Sie wurden früher als Unterfamilie Teratornithinae zu den Neuweltgeiern gestellt. Da die morphologischen Unterschiede zu den Neuweltgeiern aber genau so groß sind wie die zwischen den meisten zu einer Ordnung gehörenden Vogelfamilien werden sie heute als eigene Familie betrachtet. Neben den Neuweltgeiern haben die Teratornithidae auch mit den Störchen und den Ruderfüßern Gemeinsamkeiten.
Wahrscheinlich entwickelten sich die Teratornithidae in der Westwindzone des späten Miozän im südlichen Südamerika, die damals weiter nach Norden reichte als heute, da die südlichen Anden noch nicht so hoch waren. Campbell und Tonni vermuten, dass sie wegen ihrer Schnabelanatomie nicht fähig waren, Fleischstücke aus Aas zu reißen und dass sie, ähnlich wie Eulen, kleine, selbst erbeutete Beutetiere im ganzen verschlungen haben. Die meisten Wissenschaftler sehen sie jedoch als Aasfresser, die ähnlich heutigen Geiern über offenem Grasland segelnd nach Aas suchten. Als vor drei Millionen Jahren die Landbrücke von Panama entstand, besiedelten die Teratornithidae im Zuge des großen amerikanischen Faunentauschs auch Nordamerika.
Die bekannteste Teratornithidengattung ist Teratornis aus Nordamerika, die eine Flügelspannweite von 3,5 bis 3,8 Meter hatte und sitzend 75 Zentimeter hoch war. Von dieser Gattung wurden die fossilen Überreste von über 100 Exemplaren in den Teergruben von La Brea gefunden. Argentavis erreichte eine Flügelspannweite von 7 bis 7,5 Metern und war 1,5 Meter hoch. Sein Gewicht wird auf 72 kg geschätzt. Er lebte im späten Miozän und im Pliozän in Südamerika. Fossilien wurden in Argentinien gefunden. Zwei weitere Gattungen, Aiolornis und Cathartornis sind nur von wenigen Knochen bekannt. Aiolornis erreichte eine Flügelspannweite von fünf Metern und hatte einen besonders großen Schnabel. Er lebte in Nordamerika. Cathartornis ist nur aus den Teerguben von La Brea bekannt. 2002 wurde die Existenzdauer der Teratornithidae durch die Entdeckung des ältesten Teratornithiden Taubatornis campbelli aus dem oberen Oligozän von São Paulo (Brasilien) weit nach unten ausgedehnt. Taubatornis war viel kleiner als andere Gattungen der Familie und zeigt viele Übereinstimmungen mit Neuweltgeiern.

Der St.-Helena-Sturmtaucher (Puffinus pacificoides) ist ein ausgestorbener Meeresvogel aus der Gattung der Sturmtaucher (Puffinus). Er brütete auf der Südatlantik-Insel St. Helena. Das Artepitheton pacificoides bezieht sich auf seine Verwandtschaft zum rezenten Keilschwanz-Sturmtaucher (Puffinus pacificus).
Der Holotypus ist ein nahezu vollständiger linker Oberschenkelknochen, der 1971 von Storrs Lovejoy Olson im äolischen Kalksandstein nahe Sugarloaf Hill auf St. Helena zu Tage gefördert wurde. Er hat eine Gesamtlänge von 32,2 mm. Seine Färbung ist weiß mit dunklen Wellenzeichnungen. Bereits in den frühen 1960er-Jahren hatte Philip Ashmole sieben Fragmente von Beinelementen einer unbeschriebenen Sturmtaucherart gesammelt, die später dieser Art zugeordnet wurden. Das als Paratypen gekennzeichnete Material umfasst Oberschenkelknochen und Fragmente von Tibiotarsi, Tarsometatarsi, Oberarmknochen, Ellen, Carpometacarpi, Rabenbeine, Schnabelknochen, Unterkiefer und Zehenknochen. Insgesamt sind 73 Knochen bekannt. Der St.-Helena-Sturmtaucher war ein mittelgroßer Vogel aus der Artengruppe des Graumantel-Sturmtauchers (Puffinus bulleri). Er war größer und robuster als der Keilschwanz-Sturmtaucher.
Der St.-Helena-Sturmtaucher starb vor etwa 14.000 Jahren auf natürliche Weise bedingt durch den schnellen Anstieg des Meeresspiegels von 135 bis 80 m unterhalb der heutigen Meeresspiegelhöhe im Jungpleistozän aus. Die Wassertemperatur lag vermutlich ungefähr 2 °C unterhalb des Maximums im Holozän. Auch die von Südosten kommenden Passatwinde waren stärker als heute.

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