Ausgestorbene Säugetiere der Neuzeit

Der Holotypus und einziges neuzeitliches Exemplar des Wüsten-Bürstenrattenkänguru (Bettongia anhydra) ist ein beschädigter Schädel mit einer linken und rechten Kieferhälfte. Der Schädel wurde einem frischen Kadaver entnommen, der nicht konserviert wurde. Daher bleibt die äußere Erscheinung des Wüsten-Bürstenrattenkängurus unbekannt. Verglichen mit anderen Vertretern der Bürstenkängurus, mit Ausnahme des Nullarbor-Bürstenkängurus (Bettongia pusilla), hatte das Wüsten-Bürstenrattenkänguru eine kleinere Körperlänge und relativ größere Zähne. Der Schädel des Wüsten-Bürstenrattenkängurus war verkürzt, das Rostrum war vorne und hinten reduziert. Der Hirnschädel war schmal. Die Jochbögen waren robust. Der Schädelbereich zwischen den Augenhöhlen (Interorbitalbereich) war verengt. Der vierte Molar war stark reduziert. Die Paukenblase war stark angeschwollen. Die Eckzähne waren sehr gut ausgeprägt, jedoch kürzer als der dritte Schneidezahn I3. Das vordere kurze, breite Gaumenloch endete an der vorderen Kante des Eckzahnfaches. Der Unterkiefer hatte einen robusten horizontalen Ast mit einem längeren Kronenfortsatz und einem spitzen Winkel zwischen dem horizontalen und aufsteigenden Ast.
Aufgrund des verkürzten Rostrums und der großen Schneidezähne wird angenommen, dass das Wüsten-Bürstenrattenkänguru eine stärkere Beißkraft, als die anderen Vertreter der Bürstenkängurus hatte. Möglicherweise war die Art in der Lage größere Samen zu fressen. Auch die großen Schläfenmuskel im Verhältnis zur Schädelgröße unterstützen diese Vermutung. Das Wüsten-Bürstenrattenkänguru war wahrscheinlich nachtaktiv. Mehr ist über die Lebensweise nicht bekannt.
Das Wüsten-Bürstenrattenkänguru wurde 2016 von der IUCN in die Rote Liste der neuzeitlich ausgestorbenen Säugetiere aufgenommen. Neben dem Holotypus existiert noch ein subfossiler Schädel unbekannten Datums aus der in der Nullarbor-Ebene gelegenen Stegamite Cave in Western Australia. Das Aussterbedatum ist unbekannt. Vermutet wird ein Zeitpunkt in den 1950er oder 1960er Jahren. Die Ausrottung des Wüsten-Bürstenrattenkängurus ist wahrscheinlich auf die Nachstellung durch eingeführte Rotfüchse und verwilderte Hauskatzen in Kombination mit von Menschen verursachten Bränden zurückzuführen.

Das Östliche Bürstenschwanz-Rattenkänguru (Bettongia penicillata penicillata), eine Unterart des Bürstenschwanz-Rattenkängurus (Bettongia peniccillata), gilt seit 1923 als ausgestorben.
Mitte des 19. Jahrhunderts war das Östliche Bürstenschwanz-Rattenkänguru in New South Wales und South Australia noch häufig zu beobachten.
So schrieb John Gould 1863 in einem zeitgenössischen Beitrag:
„Der östlichen Teil Australiens, insbesondere die Innenseite der Bergketten in New South Wales, macht den wahren Lebensraum dieser Art aus. […] Ich beobachtete sie häufig in den Liverpool Plains und an den Ufern des Namoi von seiner Quelle bis zu seiner Mündung in den Gwydir; aber zwischen den Bergketten und der Küste konnte ich sie nicht antreffen.“
Gould fügte weiter hinzu, dass die Aborigines nur selten an den Grasnestern im Boden vorbeigingen, ohne sie zu entdecken. So war es ihnen möglich, die schlafenden Tiere fast ausnahmslos durch das Werfen der Kampfaxt oder der schweren Keule zu töten. Charles W. Brazenor bemerkte im März 1937, dass das Bürstenschwanz-Rattenkänguru letztmals 1857 in Victoria beobachtet wurde und dass sich wenige Museumsexemplare aus Victoria im Nationalmuseum von Melbourne befinden. Im Februar 1937 kommentierte Albert Sherbourne LeSeouf
„Es ist offenbar nicht mehr im östlichen Australien zu finden.“
und im April desselben Jahres bemerkte Ellis Le Geyt Troughton
„Es ist nun sehr selten oder ausgestorben in New South Wales und Victoria.“
1924 schilderte Frederic Wood Jones (1879–1954) das Aussterben des Bürstenrattenkängurus auf St. Francis Island in der Großen Australischen Bucht. Er hielt diese Tiere, von denen keine Museumsproben existieren, für eine eigenständige, unbeschriebene Form Bettongia sp. 1958 wurde die Population von St. Francis Island nach einer Neubewertung durch Hedley Herbert Finlayson (1895–1991) der östlichen Unterart des Bürstenschwanz-Rattenkängurus zugeordnet. Wood Jones bemerkte in seinen Aufzeichnungen:
„Auf St. Francis Island im Nuyts Archipel lebte, während der Zeit der anwesenden Bewohner, eine große Anzahl einer Art, die offenbar der Gattung Bettongia angehörte. Da sich die Säugetierfauna auf den Inseln der Bucht in so vielen Fällen von den Arten unterschied, die das Festland bewohnen, lohnt es sich aufzuzeichnen, was in Bezug auf dieses interessante und kürzlich ausgerottete Tier ermittelt wurde.
Als die Insel vor vierzig Jahren erstmals besiedelt wurde, schwärmten dort Rattenkängurus oder Tungoos. Die Tiere schienen keine Mulden zu errichten, sondern lebten im Unterholz. Häufig hüpften sie auf die Farm der einzigen auf der Insel siedelnden Familie und fraßen das Brot und andere Esswaren, die von den Tischen geworfen wurden. Sie schienen nicht nachtaktiv zu sein und sie schienen noch nicht einmal Scheu vor den menschlichen Eindringlingen auf der Insel zu haben. Ihr einziges Vergehen, war die Vorliebe für die Gartenerzeugnisse der Familie. Katzen wurden eingeführt, um die Tungoos auszurotten, und sie verrichteten ihre Arbeit vollständig. Zu welcher Art das Tier gehörte, wird nie bekannt sein und die Tatsache ihrer Vernichtung auf diese Weise ist sehr zu bedauern.
Es gibt viele Inseln in der Nähe von St. Francis, auf denen einige Mitglieder der ursprünglichen Kolonie hätten transportiert werden können, um ihnen so eine Überlebenschance zu geben.
Die Geschichte ist aus der Sicht der Gesetzgebung für den Schutz von Inselfaunen von Bedeutung, da sie deutlich zeigt, wie schnell und wie vollständig eine interessante Inselfauna zerstört und für immer für die Wissenschaft verloren gehen kann.“
Gegen 1900 war die Population auf St. Francis Island ausgelöscht.
In South Australia, wo die Händler noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dutzende Exemplare zu neun Pence pro Kopf in Adelaide an Sonntagnachmittagen verkauften, ist das Bürstenschwanz-Rattenkänguru seit 1923 verschwunden.
Das Westliche Bürstenschwanz-Rattenkänguru (Bettongia penicillata ogilbyi) ist vom Ausssterben bedroht.

Die Alaska-Wasserspitzmaus (Sorex alaskanus) ist eine kaum erforschte Säugetierart aus der Gattung der Rotzahnspitzmäuse (Sorex). Sie ist nur von sechs Exemplaren bekannt, die 1899, 1900 und 1970 gesammelt wurden. Ihr Verbreitungsgebiet ist auf die Glacier Bay in Alaska beschränkt.
Die Maßangaben beziehen sich auf die Typusexemplare, zwei im Jahr 1899 gesammelte Männchen. Die Kopf-Rumpf-Längen betragen 80 und 88 mm, die Schwanzlängen 65 und 72 mm und die Hinterfußlängen 18,5 und 19 mm. Über das Gewicht liegen keine spezifischen Daten vor. Die Alaska-Wasserspitzmaus ist eine große Spitzmausart, die äußerlich der Amerikanischen Wasserspitzmaus (Sorex palustris) ähnelt. Das Rückenfell ist dunkel schwarzbraun, das Bauchfell ist heller silbrig grau. Die Füße sind groß und breit. Die Hinterfüße sind teilweise mit Schwimmhäuten versehen und weisen kleine, weiße Haare auf, die an den Seiten hervorstehen. Der lange, zweifarbige Schwanz ist seitlich etwas abgeflacht. Er ist dunkel schwarzbraun an der Oberseite und heller an der Unterseite. Die Schwanzspitze endet in einem kleinen Fellbüschel. Die Alaska-Wasserspitzmaus ist kleiner als die anderen Spezies der Sorex-palustris-Artengruppe und hat einen stärker gefurchten Schädel. Die Zähne sind dunkelrot pigmentiert. Es gibt fünf Zahnhöcker. Der dritte ist kleiner als der vierte. Der fünfte ist viel kleiner.
Die Alaska-Wasserspitzmaus wurde im Jahr 1900 von Clinton Hart Merriam als Unterart Sorex navigator alaskanus der Westlichen Wasserspitzmaus beschrieben. 1903 wurde sie von Joel Asaph Allen als Unterart Sorex palustris alaskanus der Amerikanischen Wasserspitzmaus klassifiziert. 1928 wurde sie von Hartley H. T. Jackson in den Artstatus erhoben. Dies wurde 1981 von Eugene Raymond Hall angezweifelt, der sie erneut als Unterart der Amerikanischen Wasserspitzmaus betrachtete. 1993 erhielt sie von Rainer Hutterer erneut Artstatus basierend auf Schädelvergleichen mit Sorex palustris und Sorex navigator.
Die Alaska-Wasserspitzmaus bewohnt Sumpfland und Bachufer. Über ihre Lebensweise ist nichts bekannt.
Im Juni 1899 fing Albert Kenrick Fisher die beiden Typusexemplare im Sumpfland von Cooper’s Notch hinter Point Gustavus, Glacier Bay, Alaska. Im März 1900 sammelte Malcolm P. Anderson zwei Weibchen und ein Männchen an den Ufern des Telegraph Creek. Der letzte bestätigte Nachweis war im Jahr 1970, als ein weiteres Exemplar am Bartlett Cove gesammelt wurde. Aufgrund des umstrittenen taxonomischen Status und fehlender Informationen über die Population, wird die Art in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN in die Kategorie unzureichende Datenlage (data deficient) klassifiziert.

Der Berg-Affengesichtflughund (Pteralopex pulchra), auch als Makarakomburu-Flughund bezeichnet, ist ein kaum erforschtes und möglicherweise ausgestorbener Flughund. Er ist nur vom Holotypus, einem Weibchen bekannt, der im Mai 1990 am Südhang des Mount Makarakomburu auf Guadalcanal in den Salomonen gesammelt wurde.
Das Typusexemplar hat eine Kopf-Rumpf-Länge von 161,8 mm, eine Unterarmlänge von 117,9 mm, eine Schienbeinlänge von 56,1 mm, eine Ohrenlänge von 16,8 mm und ein Gewicht von 280 g. Ein Schwanz ist nicht vorhanden. Die Art ist kleiner als der Guadalcanal-Affengesichtflughund (Pteralopex atrata). Die Augen sind rot. Die Flügel sind schwarz und weiß gefleckt. Der schwarze Kopf und Rücken kontrastiert mit einem gelben Bauch. Das Fell ist lang.
Der Lebensraum sind moosbedeckte primäre Bergwälder in Höhenlagen zwischen 1200 und 2448 m. Die vorherrschende Flora wird durch Eisenhölzer und Palmengewächse repräsentiert. In der Waldebene zwischen Boden- und Kronenbereich sind Farne und kletternder Bambus dominierend.
Über die Lebensweise ist nichts bekannt. Das in einem Japannetz gefangene Weibchen war milchgebend.Seit der Entdeckung hat es keine intensive Suche nach der Art gegeben. Der Lebensraum ist nicht geschützt, so dass Jagddruck und Lebensraumzerstörung ernsthafte Gefährdungen darstellen.

Das Veloz-Zaguti (Plagiodontia ipnaeum), auch als Veloz-Ferkelratte, Veloz-Huitia oder Johnson-Ferkelratte bezeichnet, ist nur durch subfossiles Material bekannt, das in Køkkenmøddinger in der Dominikanischen Republik und in Haiti entdeckt wurde. Die 1976 von Renato Rimoli beschriebenen Formen Plagiodontia velozi und Plagiodontia caletensis sind mit Plagiodontia ipnaeum identisch.
Dem Schädel nach zu urteilen, war das Veloz-Zaguti die größte bekannte Art der Zagutis. Es erreichte vermutlich ein Gewicht von über 5 kg. Die Gliedmaßen waren länger und die Backenzahnkronen waren höher als bei den anderen Zaguti-Arten. Der im United States National Museum befindliche Holotypus wurde 1928 vom Archäologen Herbert William Krieger (1889–1970) in den Ablagerungen eines Køkkenmøddinger in der Ortschaft Ciguayan bei Anadel 2 km östlich von Samaná in der Dominikanischen Republik gesammelt. Er besteht aus dem mittleren Teil eines Schädels, bei dem der Großteil des Rostrums und des Hirnschädels fehlt. Der Schädel des Typusexemplars ist hoch und größer als jeder Schädel der anderen Arten aus der Gattung Plagiodontia. Das Gaumenbein ist nach vorne verengt. Die Gaumengruben befinden sich gegenüber der Mitte des ersten Molars. Die oberen Zahnreihen liegen nach vorne dicht beieinander. Nach hinten gehen sie auseinander. Die Backenzähne werden zunehmend kleiner ab dem vierten Prämolar und dem dritten Molar, mit der größten Differenz zwischen dem vierten Prämolar und dem ersten Molar. Der Unterkiefer ist massiver als bei den anderen Arten der Gattung. Der Winkelfortsatz des Unterkiefers ist waagerecht stark erweitert.
Bis zur Beschreibung der Art im Jahr 1948 wurden 134 Schädel-, Unterkiefer- und Zahnfragmente in den Ablagerungen von Höhlen und Køkkenmøddinger entdeckt. Die Fundorte befinden sich unter anderem bei Anadel, Dominikanische Republik (terra typica), an der Mündung des Río San Juan, 10 km nördlich von Samaná, Dominikanische Republik, in der Provinz Monte Cristi in der nordöstlichen Dominikanischen Republik, nahe Constanza im Westen der Provinz La Vega, Dominikanische Republik, bei San Pedro de Macorís, Dominikanische Republik sowie in einer Höhle bei der Atalaye-Plantage nahe Saint-Michel-de-l’Atalaye in Haiti.
Die Art wird von der IUCN in der Kategorie „ausgestorben“ (extinct) gelistet. Der genaue Aussterbezeitpunkt ist jedoch unbekannt. Da häufig die subfossilen Überreste von Ratten in den Ablagerungen gefunden wurden, wird ein Aussterben infolge der europäischen Besiedelung Hispaniolas im 17. Jahrhundert vermutet. Als Hauptursache gelten Überjagung und Nachstellung durch Ratten. Der Historiker Gonzalo Fernández de Oviedo, der von 1536 bis 1546 auf Hispaniola lebte, erwähnte in seinem Werk Historia General y Natural de las Indias y Tierra-Firme del Mar Oceono ein Nagetier namens „Quemi“. Es ist möglich, dass diese Art mit dem Veloz-Zaguti identisch war. Ferner besteht die entfernte Möglichkeit, dass ein als „Comadreja“ bezeichnetes Tier, das angeblich bis ins 20. Jahrhundert überlebt haben soll, ebenfalls diese Art repräsentiert.

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