Thomas Macho: Schweine – Ein Portrait (Rezension)

Kein anderes Tier wird häufiger verspeist, und auch sprachlich werden das Schwein, die Sau und das Ferkel oft und gern in den Mund genommen : Als Ausdruck unverdienten Glücks und fehlender Manieren, als Schimpfwort für Zeitgenossen und das kapitalistische System. Das Schwein ist auch metaphorisch ein Allesfresser, Symbol religiöser Unreinheit und sexueller Lust, besonderer Sparsamkeit und bodenloser Dummheit. Dabei zeigt sich vor allem, wie nah uns das Schwein ist auch physiologisch. Neuesten Forschungen zufolge steht die Transplantation von Schweineherzen in menschliche Brustkörbe kurz bevor. Kein Wunder, dass sich der Mensch von seinem liebsten Nutztier durch eine Reihe von Tabus und Vorurteilen abzugrenzen versucht. Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho verfolgt die Karriere des Borstentiers vom früh domestizierten und später von Hirten gehütetem Nutztier zum Fleisch- und Allegorienlieferanten Nummer eins. Sein Buch ist ein Plädoyer gegen Reinlichkeitsfantasien aller Art, ein Portrait alter und neuer Rassen sowie der Beweis, dass das Schwein dem Menschen in Komplexität und Widersprüchlichkeit in nichts nachsteht.
Bereits 2015 erschien Schweine – Ein Portrait aus der „Naturkunden“-Reihe von Matthes & Seitz. In gewohnt ansprechender Aufmachung wirft Thomas Macho einen Blick auf das Verhältnis Mensch – Schwein in Literatur und Wissenschaft und zeigt dabei wie intelligent und liebenswert (aber auch gefährlich) Schweine sein können. Dabei liegt das Hauptaugenmerk natürlich bei Wild- und Hausschwein, andere Arten spielen nur am Rande eine Rolle. Aber zum Thema Haus- und Wildschwein gibt es einiges zu wissen, viel mehr als man es auf etwas mehr als 150 Seiten erfassen kann. Aber nichts desto trotz gehört dieses Tierportraits zu den besseren und informativeren der Naturkunden-Reihe.
Macho präsentiert biologische und historische Betrachtungsweisen, zeigt welche Bedeutung Schweine in Religion und Literatur haben und verschweigt auch nicht den erotischen Teil (der weit über Schweinereien hinausgeht). Diese kulturgeschichtliche Erfassung des Schweins ist nicht nur für den Tierfreund lesenswert.

Vielseitig und kurzweilig … danach wird man Schweine mit anderen Augen sehen.

(und wer zufällig in die Nähe von Stuttgart kommt und sich an Schweinen in allen möglichen Formen nicht sattsehen kann, der sollte einen Abstecher ins Schweinemuseum machen)

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