Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

27.10.2026, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Wie tief schlafen Spinnen?
+++FORSCHUNGSTICKER UNI BONN: Biolog*innen untersuchten das Verhalten der australischen Springspinne Portia fimbriata+++
Menschen und Wirbeltiere durchlaufen verschiedene Schlafstadien, darunter den REM-Schlaf (rapid eye movement sleep), der durch schnelle Augenbewegungen und Muskelzuckungen gekennzeichnet ist. Lässt sich ein ähnlicher Schlaf bei Spinnen beobachten? Forschende vom Institut für Organismische Biologie an der Universität Bonn haben dies an der australischen Springspinne Portia fimbriata untersucht.
Um was geht es?
Wir haben untersucht, ob Spinnen tatsächlich schlafen – und ob sie, ähnlich wie Menschen und andere Tiere, verschiedene Schlafstadien durchlaufen. Dafür haben wir das Verhalten der australischen Springspinne Portia fimbriata über mehrere Tage und Nächte hochauflösend aufgezeichnet und experimentell getestet. Was wir über den Schlaf wissen, bezieht sich fast ausschließlich auf Wirbeltiere. Bislang fehlten bei Spinnen experimentelle Belege für das Schlafverhalten.
Was ist Portia fimbriata für eine Spinne?
Arten der Gattung Portia ernähren sich von anderen Spinnen. Ihre vielfältigen Jagdstrategien werden häufig als Ausdruck von Intelligenz gewertet: Sie ahmen zum Beispiel die Vibrationen von zappelnden Insekten nach, die sich im Netz verfangen haben, um Webspinnen anzulocken. Das ausgefeilte Jagdverhalten lässt auf besondere Lernfähigkeiten schließen. Das macht diese Spinne so interessant. Bei überschaubaren Körpermaßen: Die australischen Springspinne Portia fimbriata, die wir untersuchten, ist ausgewachsen in etwa so groß wie eine Ein-Euro-Münze.
Was ist das wichtigste Ergebnis?
Die Spinne zeigt echten, regulierten Schlaf mit zwei klar unterscheidbaren Schlafstadien, darunter ein REM‑ähnlicher Zustand mit Augenbewegungen und Muskelzuckungen. Damit liefern wir die erste umfassende Bestätigung für das Schlafverhalten bei einer Spinne.
Wie sind Sie vorgegangen?
Wir beobachteten Individuen der Spezies Portia fimbriata jeweils in kleinen Plastikschälchen von zwölf Zentimeter Durchmesser bei unterschiedlichen Beleuchtungsverhältnissen über mehrere Tage, um Tag-Nacht-Rhythmen zu erfassen. Für die Nachtaufnahmen nutzten wir Infrarot-Kameras, um Schlafposition, Ruhephasen und REM‑ähnliche Phasen detailliert zu dokumentieren. Ob sich die Tiere tatsächlich in einem Schlafzustand befanden, überprüften wir mit akustischen Reizen und erfassten die Reaktionszeit. Darüber hinaus testeten wir, ob die Spinnen nach Störung des Schlafes einen „Schlaf‑Rebound“, also das Nachholen des fehlenden Schlafes, zeigten.
Was war die größte Herausforderung?
Die größte Herausforderung war es, für die Aufweck-Experimente einen Stimulus zu finden, auf den die Tiere zuverlässig reagieren. Denn Spinnen nehmen die Welt natürlich ganz anders wahr als wir. Gleichzeitig mussten wir vorsichtig bleiben, um die REM‑ähnlichen Bewegungen nicht überzuinterpretieren, sondern Schritt für Schritt zu testen, ob sie wirklich das bedeuten, was wir vermuteten. Und all das, ohne die Hirnaktivität messen zu können, sondern rein über das Verhalten der Tiere. Dies erforderte eine sehr detaillierte und vor allem lange Videodokumentation, was wiederum zu enormen Datenmengen führte – eine weitere Herausforderung.
Gibt es einen Anwendungsbezug?
Ja, im Grundlagenbereich. Die Ergebnisse helfen zu verstehen, wie Schlaf sich evolutionär entwickelt hat und wie weit verbreitet REM‑ähnliche Zustände im Tierreich sind. Das eröffnet neue Perspektiven für vergleichende Verhaltens-, Neuro- und Chronobiologie sowie die Erforschung einfacherer Nervensysteme.
Was empfehlen Sie basierend auf den Ergebnissen?
Wir empfehlen, Schlaf nicht nur in klassischen Modellorganismen oder Wirbeltieren zu untersuchen, sondern das Feld taxonomisch zu öffnen – insbesondere sollten wir Schlaf in Tieren untersuchen, die stark unterschiedlichen Nervensystemen besitzen oder extreme Anpassungen zeigen. Das kann helfen, universelle Prinzipien und eine potentiell ursprüngliche Funktion des Schlafs zu identifizieren. Denn trotz intensiver Forschung am Thema gibt es noch erstaunlich viele Lücken in unserem Verständnis von Schlaf – selbst bei uns Menschen.
Wie geht es weiter?
Wir untersuchen, wie sich Schlaf, besonders REM-ähnlicher Schlaf, bei der gesamten Vielfalt der Spinnen entwickelt hat. Außerdem vergleichen wir Schlafverhalten von Spinnen in der Natur und im Labor. Weitere Studien sollen klären, wie Schlaf mit kognitiven Fähigkeiten zusammenhängt und was dabei im Gehirn von Spinnentieren und Insekten passiert. Außerdem möchten wir verstehen, wie sich der Klimawandel und andere anthropogene Einflüsse – insbesondere Lichtverschmutzung – auf das Schlafverhalten dieser Tiere auswirken.
Wie lautet die Quelle?
Nadja Geiger, Maxim Q. Capelle, Phillip Rosentreter, Marie E. Herberstein, Armin Bahl, Massimo De Agrò, Barrett A. Klein, Daniela C. Rößler: Behavioral evidence for two-stage sleep in spiders, Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS), https://doi.org/10.1073/pnas.2618030123.

28.10.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Neues internationales Stiftungs-Netzwerk für mehr Artenschutz in der Landnutzung: Deutsche Wildtier Stiftung zählt als einzige Stiftung aus Deutschland zu den Gründungsmitgliedern
Sich europaweit vernetzen, um gemeinsam mit internationalen Partnern wissenschaftlich basierte Methoden für eine wildtierfreundliche und zugleich wirtschaftlich erfolgreiche Landnutzung zu etablieren – das ist das Ziel der Deutschen Wildtier Stiftung als einziges deutsches Gründungsmitglied der neu geschaffenen Institution „Network of Foundations for Wildlife Conservation“ (NFWC). Das Netzwerk arbeitet unter dem Dach der „European Landowners’ Organization“ (ELO) mit Sitz in Brüssel.
„Von diesem Netzwerk erhoffen wir uns einen engen Austausch mit anderen gemeinnützigen Stiftungen, die ebenfalls Grundeigentum besitzen und mit denselben Herausforderungen wie dem Klimawandel, dem Artensterben und den sich verändernden Landnutzungsbedingungen konfrontiert sind“, sagt Professor Dr. Klaus Hackländer, Wildtierbiologe und Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung.
Das NFWC setzt in seiner Arbeit drei zentrale Schwerpunkte: die Stärkung globaler Verbindungen, die Entwicklung erfolgreicher Natur- und Artenschutzkonzepte sowie das Einbringen praktischer Erfahrungen in europäische Politikdebatten. „Durch die enge Verzahnung von Stiftungen, Land- und Forstwirten, Wissenschaftlern und politischen Entscheidungsträgern sollen praxiserprobte Lösungsansätze direkt in die Diskussionen auf EU-Ebene einfließen – etwa bei der EU-Kommission und ihren Generaldirektionen Umwelt sowie Landwirtschaft“, so Hackländer.
Ein bestens erprobter Modellbetrieb dafür, wie eine wildtierfreundliche Landnutzung in der Praxis gelingen kann, ist seit fast drei Jahrzehnten das Gut Klepelshagen der Deutschen Wildtier Stiftung in Mecklenburg-Vorpommern. Der Betrieb umfasst über 2.500 Hektar, darunter etwa 1.150 Hektar naturnaher Wald, 350 Hektar Wiesen und Weiden sowie 1.000 Hektar Ackerfläche. Neben klassischen Getreidearten wie Winterroggen, Hafer und Dinkel bauen die Landwirte dort Körnererbsen und Weiße Lupine an – vor allem die Lupine ist als heimische Soja-Alternative auf dem Markt stark gefragt.
Der Schutz der Wildtiere ist im Betriebsalltag fest verankert: Auf den Weiden grasen 350 Jungrinder der Rassen Deutsch-Angus und Uckermärker. Durch die extensive Beweidung werden Mähwerke auf diesen Flächen überflüssig, was Rehkitzen, Feldhasenjungen, aber auch Bodenbrütern, Insekten und Amphibien das Leben rettet. Brachliegende Randstreifen an Waldrändern und Söllen bieten zudem wertvollen Lebensraum für Amphibien, Reptilien, Kleinsäuger und Insekten. Neu angepflanzte Hecken dienen insbesondere Säugetieren und Vögeln als Deckung und Nahrung, während größere Pflanzenfresser wie der Rothirsch große jagdfreie Ruhezonen vorfinden. Rund 3.000 Tier- und Pflanzenarten konnten auf den Flächen von Gut Klepelshagen bereits bestätigt werden.
Für sein herausragendes Bewirtschaftungskonzept wurde Gut Klepelshagen bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem als hervorragendes Beispiel im Rahmen der UN-Dekade zu Wiederherstellung von Ökosystemen und mit dem renommierten Wildlife Estates Label der European Landowners’ Organization. Seit 2004 vergibt die Organisation dieses Siegel an Grundeigentümer mit einer vorbildlichen Bewirtschaftung im Sinne eine hohen Artenvielfalt.

29.10.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Coole Anpassung: Wie Fische im Antarktischen Ozean überleben
Im Südpolarmeer herrschen mit Wassertemperaturen von bis zu minus 1,9 Grad Celsius extreme Lebensbedingungen. Wie sich Fische an die antarktischen Temperaturen angepasst haben, zeigt eine neue Studie. Ein internationales Team nutzte den Antarktisraubfisch Harpagifer antarcticus als Modellorganismus und untersuchte erstmals die mütterliche und väterliche Kopie seines Erbguts getrennt voneinander. Dadurch konnten die Forscher*innen Zusammenhänge aufdecken, die zur Anpassung dieser Fischgruppe an extreme Kälte beitragen. Die Ergebnisse zeigen, dass das Überleben in extremer Kälte auf einem Zusammenspiel verschiedener genetischer und evolutionärer Anpassungsmechanismen beruht.
Minus 1,9 Grad Celsius – so kalt ist das Wasser des Südpolarmeers rund um die Antarktis. Für die dort lebenden Fische ist das herausfordernd: Bei Kälte können Eiweiße ihre Funktion verlieren, der hohe Sauerstoffgehalt des Wassers kann die Zellen zusätzlich unter Stress setzen. „Rund 140 Fischarten haben im Laufe ihrer Evolution besondere Strategien entwickelt, um dennoch in der eisigen Welt der Antarktis zu überleben“, erklärt Dr. Iliana Bista, Letztautorin der Studie vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „Wie gut sich diese Fische an die extremen Bedingungen angepasst haben, zeigt der Antarktisraubfisch Harpagifer antarcticus. Der kleine, schuppenlose Fisch lebt im flachen Wasser des Südpolarmeers auf steinigem Untergrund und hat unter anderem spezielle Frostschutz-Eiweiße entwickelt, die verhindern, dass Eiskristalle weiterwachsen.“
In Zusammenarbeit mit einem internationalen Forschungsteam, dem auch Forschende des British Antarctic Survey (BAS), des Wellcome Sanger Institute, der University of Cambridge und der University of Colorado angehörten, gelang es Bista nun erstmals das Erbgut von Harpagifer antarcticus so zusammenzusetzen, dass die beiden von Mutter und Vater geerbten Erbgutvarianten – die sogenannten Haplotypen – getrennt untersucht werden können. „Diese Unterscheidung ist wissenschaftlich bedeutsam, da Unterschiede zwischen dem mütterlichen und dem väterlichen Erbgut bei herkömmlichen Verfahren zur Genomsequenzierung verborgen bleiben können. Durch die getrennte Analyse der Haplotypen lassen sich diese Unterschiede genauer untersuchen – etwa in Gensequenzen, in eingefügten oder entfernten DNA-Abschnitten sowie in Genomregionen, in denen bestimmte Gene mehrfach vorkommen“, so Bista.
Das Ergebnis überraschte das Forschungsteam: Die mütterliche und die väterliche Erbgutvariante des Antarktisraubfischs waren insgesamt erstaunlich ähnlich, eine Erbgutvariante enthält 17 Kopien, die andere 16. Deutliche Unterschiede fanden die Forschenden dagegen in sich wiederholenden DNA-Abschnitten und in der Länge der Gene, die für Frostschutzproteine verantwortlich sind. „Die Länge der Genabschnitte unterscheidet sich deutlich. Da größere Frostschutz-Eiweiße das Wachstum von Eiskristallen besonders wirksam hemmen können, könnten diese Unterschiede den Fischen helfen, sich an unterschiedliche Bedingungen in der Antarktis anzupassen“, erläutert die Frankfurter Forscherin.
Doch die Anpassung an extreme Kälte steckt nicht allein in den Genen für Frostschutz-Eiweiße. Rund 43 Prozent des Erbguts der untersuchten Fische bestehen aus sich wiederholenden DNA-Abschnitten, heißt es in der neuen Studie. Besonders häufig sind darunter sogenannte LINE-L2-Transposons. Diese beweglichen DNA-Abschnitte können ihre Position im Erbgut verändern oder neue Kopien von sich selbst erzeugen – daher werden sie auch als „springende Gene“ bezeichnet. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass sich diese Elemente im Laufe der Evolution der antarktischen Fische zeitweise besonders stark vermehrt haben. Dadurch könnten sie zur Vergrößerung des Erbguts und zur Entstehung neuer genetischer Varianten beigetragen haben.
Darüber hinaus entdeckte das Team Hinweise auf Anpassungen in Genen, die unter anderem an der Abwehr schädlicher oxidativer Prozesse, am Fettstoffwechsel, an der korrekten Faltung von Eiweißen und an der Erhaltung wichtiger Zellfunktionen beteiligt sind. Alles Prozesse, die für das Überleben unter extrem kalten Bedingungen von Bedeutung sind.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Anpassung antarktischer Fische an extreme Kälte durch das Zusammenspiel verschiedener evolutionärer Prozesse geprägt ist. Der Vergleich verschiedener Arten und die getrennte Analyse mütterlicher und väterlicher Erbgutvarianten ermöglichten es uns, genetische Unterschiede sichtbar zu machen, die mit herkömmlichen Methoden möglicherweise unentdeckt geblieben wären. Unsere Studie verdeutlicht, wie genetische Veränderungen dazu beitragen, dass Antarktisfische auch unter den extremen Bedingungen des Südpolarmeers überleben können“, fasst Bista zusammen.
Originalpublikation:
Martelossi, J., Krasheninnikova, K., Denton, A. et al. A new phased assembly of the Antarctic spiny plunderfish provides novel insights into the evolution of the notothenioid radiation. Genome Biol 27, 317 (2026). https://doi.org/10.1186/s13059-026-04293-7

29.10.2026, Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung
Fledermausschutz weiterdenken – Arten und ihre ökologischen Funktionen erhalten
Auch dort, wo Fledermäuse noch vorkommen, können ihre Beiträge zur Schädlingsregulierung, Bestäubung und Samenverbreitung bereits nachlassen. Diesen oft übersehenen Verlust ökologischer Funktionen beleuchtet ein neuer Artikel in Nature Reviews Biodiversity. Forschende des Museums für Naturkunde Berlin, der Universität Neapel Federico II und der Humboldt-Universität zu Berlin plädieren darin für einen erweiterten Blick auf den Fledermausschutz: Neben den Arten selbst müssen auch ihre ökologischen Funktionen erhalten bleiben. Wirksamer Schutz muss deshalb die Voraussetzungen dafür sichern, dass Fledermäuse ihre Rolle im Ökosystem weiterhin erfüllen können.
Fledermäuse tragen auf vielfältige Weise dazu bei, dass Ökosysteme funktionieren. Insektenfressende Arten helfen, die Bestände von Insekten zu regulieren, darunter auch Schädlinge in der Land- und Forstwirtschaft. In den Tropen und Subtropen bestäuben nektarfressende Fledermäuse Pflanzen, während fruchtfressende Arten Samen verbreiten. Damit unterstützen sie das Wachstum von Pflanzen und die Regeneration von Wäldern.
„Wenn wir eine Fledermausart nachweisen, wissen wir zunächst nur, dass sie da ist. Aber ob sie ihre ökologische Funktion noch erfüllt, sagt uns das nicht“, erklärt Danilo Russo von der Universität Neapel Federico II und dem Museum für Naturkunde Berlin.
„Möglicherweise sind ihre Bestände bereits zu klein geworden, oder ihre Beziehungen zu Pflanzen und Beutetieren haben sich verändert. Der damit verbundene Verlust ökologischer Funktionen kann unbemerkt bleiben, solange die Art weiterhin nachgewiesen wird.“
Doch nicht nur die Zahl der Tiere ist entscheidend. Künstliche Beleuchtung und die Zerschneidung von Lebensräumen können Fledermäusen den Zugang zu Nahrungsgebieten erschweren oder ihre Flugwege zwischen blühenden Pflanzen und Waldflächen unterbrechen. Auch Veränderungen im Nahrungsangebot können ökologische Beziehungen beeinträchtigen – etwa wenn Insekten, Blüten oder Früchte zu anderen Zeiten im Jahr verfügbar sind. Hinzu kommen Hitze, Dürre, Krankheiten und weitere Belastungen, die sich auf Verhalten und Fortpflanzung auswirken können. Ihre Folgen können sich summieren, noch bevor Bestandsrückgänge deutlich erkennbar werden.
Besondere Aufmerksamkeit gilt den häufigen Arten. In Agrarlandschaften, Städten und anderen stark vom Menschen veränderten Lebensräumen können wenige häufige Fledermausarten einen großen Teil der verbliebenen ökologischen Funktionen erfüllen. Gehen ihre Bestände zurück, kann das deshalb großräumige Folgen haben – selbst wenn diese Arten nach wie vor als weitverbreitet gelten.
„Häufige Arten müssen häufig bleiben. Das ist ein wichtiges Ziel des Naturschutzes“, betont Mirjam Knörnschild vom Museum für Naturkunde Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin. „Viele ökologische Leistungen von Fledermäusen hängen von einer großen Zahl an Tieren ab. Deshalb müssen wir die Bestände in einer Größenordnung erhalten, die diese Prozesse ermöglicht.“
Die im Übersichtsartikel vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen sollen sicherstellen, dass Fledermäuse sich an Veränderungen anpassen, sich in der Landschaft bewegen und ihre Rolle im Zusammenspiel mit anderen Organismen und in ökologischen Prozessen erfüllen können. Dazu gehören große Populationen mit hoher genetischer Vielfalt, ein Netz geeigneter Quartiere und dunkler Flugkorridore, eine geringere Belastung durch Pestizide sowie Lebensräume, die zu unterschiedlichen Jahreszeiten ausreichend Nahrung bieten.
Auch beim Monitoring sollte stärker untersucht werden, ob Schutzmaßnahmen die ökologischen Funktionen von Fledermäusen erhalten. Dazu lassen sich Nachweise von Arten und Daten zur akustischen Aktivität mit gezielten Untersuchungen verbinden: Wie gut überleben und vermehren sich die Tiere? In welchem Umfang tragen sie zur Schädlingsregulierung bei? Wie erfolgreich werden Pflanzen bestäubt, und gelingt es Keimlingen, sich zu etablieren? So ließen sich Verluste erkennen, die aus Artenlisten allein nicht hervorgehen.
Arten vor dem Aussterben zu bewahren und ihre ökologischen Leistungen zu erhalten, sind zwei Ziele, die sich ergänzen. Ein Fledermausschutz, der beide verfolgt, kann dazu beitragen, die für das Funktionieren von Ökosystemen entscheidenden Prozesse langfristig zu sichern.
Die Arbeit wurde durch einen Humboldt-Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung an Danilo Russo sowie durch eine Förderung der Leibniz-Gemeinschaft für Mirjam Knörnschild unterstützt.
Originalpublikation:
Russo, D. & Knörnschild, M (2026) Preserving bat-mediated ecosystem functions. Nature Review Biodiversity. https://www.nature.com/articles/s44358-026-00217-2
DOI: https://doi.org/10.1038/s44358-026-00217-2

30.10.2026, Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Wer quakt denn da? Neues KI-Modell erkennt Frösche und Kröten am Ruf
„AnuraPAM“ macht automatisierte akustische Erfassung mitteleuropäischer Amphibienarten für Monitoring und Naturschutz möglich. Ein Forschungsteam unter Leitung von Senckenberg-Wissenschaftler PD Dr. Raffael Ernst hat eine frei verfügbare Sammlung automatisierter akustischer Klassifikationsmodelle entwickelt, die das Monitoring und den Schutz mitteleuropäischer Froschlurche erleichtern kann. Auf der Grundlage Künstlicher Intelligenz (KI) erkennt „AnuraPAM“ 14 mitteleuropäische Amphibienarten an ihren Lauten. Die Studie, in der die Forschenden die neue Entwicklung vorstellen, ist heute in der Fachzeitschrift „Salamandra“ erschienen.
Frösche und Kröten zählen weltweit zu den am stärksten gefährdeten Wirbeltieren. Zugleich geraten die Süßwasserlebensräume, von denen viele Amphibien abhängig sind, zunehmend unter Druck. Zwischen 1970 und 2020 gingen die globalen Bestände der Süßwasserwirbeltiere um 85 Prozent zurück. Besonders betroffen sind Amphibien: Laut der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) gelten 41 Prozent aller Arten als gefährdet. Auch in Europa ist die Lage besorgniserregend: Nahezu die Hälfte der Süßwasserlebensräume ist bedroht.
„Um Amphibien wie Frösche und Kröten wirksam zu schützen und ihre Bestände zu überwachen, benötigen wir zuverlässige und großflächig einsetzbare Monitoringmethoden“, erklärt Studienleiter PD Dr. Raffael Ernst von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden. „Herkömmliche Erfassungsmethoden sind jedoch häufig zeitaufwendig, kostspielig und räumlich begrenzt. Passive akustische Monitoringmethoden – kurz PAM – sind daher ein vielversprechender Ansatz.“ Im Vogelschutz wird die automatische Erkennung von Vogelstimmen schon erfolgreich genutzt. Die Lauterkennung von Amphibien dagegen ist bisher unterrepräsentiert. Im Rahmen einer langjährigen Partnerschaft mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden hat Ernst neue KI-gestützte Modelle entwickelt, die zuverlässig die Rufe von 14 mitteleuropäischen Amphibienarten erkennen können.
Die Forschenden entwickelten „AnuraPAM“ mithilfe der auf künstlicher Intelligenz basierenden Deep-Learning-Plattform BirdNET. Die Modelle analysieren aufgezeichnete Amphibienrufe und ordnen sie automatisiert den entsprechenden Arten zu. Die Verbreitungsgebiete der enthaltenen Frosch- und Krötenarten erstrecken sich über ganz Zentraleuropa. Darunter sind weit verbreitete Arten wie die Erdkröte (Bufo bufo) und der Grasfrosch (Rana temporaria), aber auch die Geburtshelferkröte (Alytes obstetricans) und die Kreuzkröte (Epidalea calamita), die nur in einem vergleichsweise kleinen Gebiet vorkommen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine automatisierte akustische Bestimmung für die meisten untersuchten Arten zuverlässig möglich ist“, berichtet der Dresdner Herpetologe. „Viele der zu AnuraPAM gehörenden Modelle erreichten eine sehr hohe Klassifikationsleistung. Besonders anspruchsvoll ist die automatisierte Unterscheidung innerhalb des Pelophylax-Komplexes, zu dem der Kleine Wasserfrosch (Pelophylax lessonae), der Seefrosch (Pelophylax ridibundus) und der hybride Teichfrosch (Pelophylax kl. esculentus) gehören, da die Hybridisierung die Rufmerkmale überlappen lässt, die dann je nach vorherrschendem Hybridsystem lokal variieren können.“
Für das Training der Modelle nutzte das Team private Sammlungen von Amphibienrufen, bereits mit Bestimmungsbüchern veröffentlichte Audiosammlungen und wissenschaftliche Online-Tonarchive. „Wir haben festgestellt, dass die Zuverlässigkeit eines Klassifikationsmodells nicht allein auf der Menge der Trainingsdaten beruht“, so Florian Meerheim von der Arbeitsgruppe Bioakustik der HTW Dresden und Mitautor der Studie. „Entscheidend sind insbesondere die Qualität und die repräsentative Zusammensetzung sowie eine sorgfältige Annotierung der verwendeten Aufnahmen durch Expert*innen.“ Ernst ergänzt: „Wir hatten das Glück, unter anderem eine private Rufsammlung nutzen zu können, die rund 80 Aufnahmen mit umfassenden Metadaten bis hin zur Luft- und Wassertemperatur zum Zeitpunkt der Aufnahme enthält. Allein diese Sammlung deckt alle 14 untersuchten Taxa in elf europäischen Ländern ab und umfasst Aufnahmen von 54 Fundorten über einen Zeitraum von 52 Jahren.“ Im Rahmen der Studie übertraf das leistungsfähigste AnuraPAM-Modell trotz kleinerer Trainingsdatensätze zwei bereits frei verfügbare Vergleichsmodelle.
Die AnuraPAM-Modelle stehen als gebrauchsfertige Klassifikatoren für kostenlose Audiosoftware wie BirdNET-Analyzer, PAMalyzer und Raven Intelligence zur Verfügung. Für die Nutzung mit dem Mobiltelefon ist die Android-App BatGizmo verfügbar, die ursprünglich für die Erkennung von Fledermausrufen entwickelt wurde und mit AnuraPAM kompatibel ist.
„Gerade die Möglichkeit der Nutzung per App macht AnuraPAM noch besser einsetzbar für Citizen-Science-Projekte. Diese spielen bei der Erhebung von Biodiversitätsdaten in Europa eine zunehmend wichtige Rolle“, erklärt Ernst und schließt: „Mit passiven akustischen Methoden können Amphibien großflächig, kontinuierlich und mit vergleichsweise geringem Arbeitsaufwand erfasst werden. Damit eröffnen wir neue Möglichkeiten für das Monitoring, die Erfolgskontrolle von Maßnahmen und den Schutz dieser stark gefährdeten Arten.“
Originalpublikation:
Elsner, B., Meerheim, F., Dziock, F. & Ernst, R. (2026): From calls to conservation: AnuraPAM, a ready-to-use acoustic classifier for Central European anurans. Salamandra 62(4)
https://www.salamandra-journal.com/salamandra/62-2026/62-4/03-Elsner_et_al-1816….

30.10.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Eulen – faszinierende Geschöpfe der Nacht
Lautlose Flüge, schaurigen Rufe und faszinierenden Fähigkeiten – Eulen gelten als geheimnisvolle und unheimliche Wesen. Gerade jetzt zu Halloween hört man ihre nächtlichen Rufe. Dr. Manuela Merling de Chapa ist Greifvogel-Expertin bei der Deutschen Wildtier Stiftung und kennt zahlreiche faszinierende Eulen-Eigenschaften:
1. Viele Eulenarten nähern sich ihrer Beute nahezu geräuschlos.
Möglich macht dies das besondere Gefieder vieler Eulenarten: Kammartige Strukturen an den Flügelvorderkanten, samtige Federoberflächen und weiche Federkanten reduzieren die Fluggeräusche auf ein Minimum. Dieser nahezu stumme Flug erlaubt es den Vögeln nicht nur, sich unbemerkt anzunähern, sondern auch das zarteste Rascheln ihrer Beutetiere wahrzunehmen. Auf dem Speiseplan von Eulen stehen vor allem Mäuse, aber auch Vögel und Insekten.
2. Ihre Rufe dienen der Kommunikation unter Artgenossen.
Ab Ende Oktober und den ganzen November sind die Rufe der Waldkäuze besonders häufig zu hören. Damit markieren sie ihre Reviere und versuchen Partner anzulocken. Den typischen, langgezogenen Ruf, vorwiegend des männlichen Waldkauzes, mit seinem „Huu-hu-huhuhuhuu“ empfinden viele aus gruselig – passenderweise fällt der Höhepunkt in die Zeit um Halloween. Der „Ku-witt“-Ruf des weiblichen Waldkauzes ähnelt einem „Komm mit!“ und führte zu dem Aberglauben, er kündige einen nahenden Tod an. Auch mit Seuchen und Feuersbrünsten wurden Eulen in Verbindung gebracht und aus diesem Aberglauben lange verfolgt und getötet. Tatsächlich dienen die Rufe schlicht der Kommunikation unter Artgenossen.
3. Eulen sind Kopf-Akrobaten.
Eulen können ihren Kopf um bis zu 270 Grad drehen. Der Grund dafür sind ihre Augen, die fest in den Augenhöhlen verankert und daher kaum beweglich sind. Eine äußerst bewegliche Halswirbelsäule und flexible Blutgefäße gleichen diese Einschränkung perfekt aus. Durch diese Kopf-Akrobatik können die Tiere Gefahren wie auch Beutetiere blitzschnell wahrnehmen. Dass Eulen ihren Kopf komplett um 360 Grad drehen können, gehört jedoch ins Reich der Mythen.
4. Gewölle hinterlassen Spuren der Beute.
Kleinere Beutetiere wie Singvögel oder Feldmäuse werden von Eulen oft im Ganzen verschlungen. Unverdauliche Bestandteile wie Knochen, Schädel und Fell werden später als sogenannte Gewölle ausgewürgt. Für Wissenschaftler bieten sie wertvolle Einblicke in den Speiseplan der Eulen und die Artenvielfalt im jeweiligen Lebensraum.
5. Nicht jede Eule ist eine Nachteule.
Die meisten der zehn heimischen Eulenarten sind nacht- oder dämmerungsaktiv, aber keineswegs alle. Die in Deutschland seltene Sumpfohreule beispielsweise ist nicht nur in der Dämmerung, sondern regelmäßig auch tagsüber auf der Jagd zu beobachten. Dabei sucht sie im niedrigen Flug offene Landschaften wie Feuchtwiesen und Moore nach Beute ab. Auch der Sperlingskauz, Deutschlands kleinste heimische Eule, ist im Tageslicht aktiv.

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