Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

21.07.2026, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Bandwurm lässt Ameisen länger leben
Arbeiterinnen der Ameisenart Temnothorax nylanderi, die vom Bandwurm Anomotaenia brevis befallen sind, leben um ein Vielfaches länger als ihre nicht infizierten Nestgenossinnen. Außerdem sind sie weniger aktiv, während ihr Stoffwechsel zum Teil dem von Königinnen ähnlicher wird. Eine neue Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, die nun in der Fachzeitschrift BMC Genomics erschienen ist, zeigt die molekularen Hintergründe dieses ungewöhnlichen Effekts.
Ein Bandwurm verändert das Leben von Ameisen grundlegend: Arbeiterinnen der Art Temnothorax nylanderi, die vom Bandwurm Anomotaenia brevis befallen sind, leben um ein Vielfaches länger als ihre nicht infizierten Nestgenossinnen. Außerdem sind sie weniger aktiv, während ihr Stoffwechsel zum Teil dem von Königinnen ähnlicher wird. Eine neue Studie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU), die nun in der Fachzeitschrift BMC Genomics erschienen ist, zeigt die molekularen Hintergründe dieses ungewöhnlichen Effekts. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass der Parasit vorhandene biologische Programme der Ameise verändert. Für den Bandwurm könnte diese Veränderung vorteilhaft sein, denn die Ameisen dienen ihm als Zwischenwirte. Vollständig entwickelt sich der Parasit erst in Spechten, seinen Endwirten. Dass infizierte Arbeiterinnen länger leben und weniger aktiv sind, könnte seine Weitergabe begünstigen.
Für die Studie untersuchte das Team um Prof. Dr. Susanne Foitzik vom Institut für Organismische und Molekulare Evolution (iomE) der JGU Ameisen aus dem Lennebergwald bei Mainz. Diese wurden im Labor drei Gruppen zugeordnet: Königinnen, vom Bandwurm infizierten Arbeiterinnen und nicht infizierten Arbeiterinnen. Aus den Tieren präparierten die Forschenden jeweils Gehirn und Fettkörper, ein unter anderem für Stoffwechsel und Immunsystem wichtiges Gewebe im Hinterleib. Anschließend analysierten sie mithilfe von RNA-Sequenzierung, welche Gene in den Gehirnen und Fettkörpern aktiv waren. Zusätzlich untersuchten sie Genom- und Transkriptomdaten des Bandwurms, also Daten zu seinem Erbgut und zu den Genen, die in ihm aktiv sind. So sollte geprüft werden, ob der Parasit körpereigene Signalstoffe der Ameisen nachahmt.
Infektion verändert Physiologie der Ameisen gezielt
„Unsere Genanalysen zeigen, dass die Infektion die Ameisen nicht einfach krank macht, sondern ihre Physiologie sehr gezielt verändert“, sagt Susanne Foitzik. „Auf molekularer Ebene zeigten befallene Arbeiterinnen ein in Teilen königinnenähnliches Profil.“ Besonders deutlich wurde dies im Fettkörper. „Dort fanden sich deutliche Überschneidungen zwischen infizierten Arbeiterinnen und Königinnen.“ Betroffen waren unter anderem Gene, die mit Stoffwechsel, Immunsystem, Stressresistenz und Alterungsprozessen zusammenhängen. „Die Befunde im Fettkörper sprechen dafür, dass der Bandwurm an vorhandene Signal- und Stoffwechselwege der Ameise anknüpft und diese verschiebt“, so Foitzik. Für die Alterung der Tiere ist dieser Befund besonders interessant: Aus früheren Untersuchungen zu diesem Ameisen-Bandwurm-System ist bekannt, dass infizierte Arbeiterinnen Überlebensraten aufweisen, die denen von Königinnen näherkommen. Königinnen dieser Art können bis zu 20 Jahre alt werden, während Arbeiterinnen in der Regel nur ein bis zwei Jahre leben. Dass infizierte Arbeiterinnen im Fettkörper teilweise ein königinnenähnliches molekulares Profil zeigen, könnte dazu beitragen, diesen Effekt zu erklären.
Gedämpfte Signale im Gehirn
Anders sah das Bild im Gehirn aus. Dort ähnelten infizierte Arbeiterinnen den Königinnen deutlich weniger. Stattdessen waren viele Neuropeptide, also Botenstoffe, die Verhalten, Nahrungsaufnahme und soziale Reaktionen beeinflussen können, sowie ihre Rezeptoren herunterreguliert. Die veränderte Aktivität dieser Signalwege könnte dazu beitragen, dass infizierte Arbeiterinnen weniger arbeiterinnentypisches Verhalten zeigen. „Der Effekt der Infektion ist also gewebespezifisch“, erklärt Giulia Blasi, Erstautorin der Studie und Doktorandin am iomE. „Im Fettkörper sehen wir eine Verschiebung in Richtung eines königinnenähnlichen Stoffwechselprofils. Im Gehirn dagegen werden viele Signalwege gedämpft, die mit Verhalten und Aktivität zusammenhängen.“
Eine mögliche Erklärung wäre gewesen, dass der Bandwurm Botenstoffe der Ameisen nachahmt, indem er eigene Neuropeptide bildet, die denen der Ameisen ähneln und so deren Signalsystem täuschen. Dafür fanden die Forschenden jedoch keine Hinweise, da die vom Parasiten gebildeten Peptide denen ihres Wirts nicht ausreichend ähnelten. „Die Daten sprechen eher dafür, dass der Parasit die Ameise indirekt beeinflusst, indem er in körpereigene Regulationsnetzwerke eingreift, die unter anderem Stoffwechsel, Immunsystem, Alterung und Verhalten steuern“, so Blasi.
Modell für parasitäre Manipulation
„Königinnen und Arbeiterinnen sozialer Insekten haben dieselbe genetische Grundlage, unterscheiden sich aber stark in Lebensweise und Lebensdauer“, sagt Susanne Foitzik. „Dass infizierte Arbeiterinnen im Fettkörper teilweise ein königinnenähnliches molekulares Profil zeigen, deutet darauf hin, dass der Parasit an vorhandene biologische Programme der Ameise anknüpft.“ Das Ameisen-Bandwurm-System liefere daher ein geeignetes Modell, um zu untersuchen, wie Parasiten Alterung und Verhalten ihrer Wirte verändern können.
Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Daran beteiligt waren Susanne Foitzik, Giulia Blasi und Katharina Schwolow von der JGU sowie Hugo Darras von der Zhejiang University in Hangzhou, China.
Originalpublikation:
G. Blasi et al., Cestode infection is linked to transcriptional shifts in neuropeptide signalling and caste-specific ageing pathways in a social insect, BMC Genomics, 15. Juni 2026,
DOI: 10.1186/s12864-026-12959-6
https://link.springer.com/article/10.1186/s12864-026-12959-6

23.07.2026, Universität Osnabrück
Neue Studie: Weißbüschelaffen folgen ähnlichen Gesprächsregeln wie Menschen
Was sind die Grundlagen menschlicher Sprache und welche Ähnlichkeiten gibt es in Kommunikationssystemen anderer Primaten? Diesen Fragen gehen Forschende weltweit seit Jahrzehnten nach. Eine neue Studie der Universität Osnabrück liefert nun weitere Hinweise: Das Forschungsteam untersuchte die Kommunikation freilebender Weißbüschelaffen in Nordostbrasilien, eine Primatenart, die ähnlich wie der Mensch ihre Jungen kooperativ aufzieht. Es stellte fest, dass die Tiere mehrere grundlegende Merkmale menschlicher Gesprächsorganisation aufweisen. Die Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlicht.
„Unsere Analysen zeigen, dass Weißbüschelaffen ihre Lautäußerungen nicht zufällig austauschen, sondern nach klaren Regeln kommunizieren“, sagt Erstautorin Dr. Filipa Abreu von der Universität Osnabrück und der Universidade Federal Rural de Pernambuco, Recife, Brasilien. Die Studie entstand unter der Leitung von Prof. Dr. Simone Pika vom Institut für Kognitionswissenschaft der Universität Osnabrück und in Zusammenarbeit mit Nicola Schiel von der Universidade Federal Rural de Pernambuco und Antonio Souto von der Universidade Federal de Pernambuco, Recife, Brasilien.
Für die Studie untersuchte das Team vier benachbarte Gruppen und sammelte 1.245 Lautinteraktionen zwischen den Tieren. Dabei stellte es fest, dass Weißbüschelaffen häufig längere „Gespräche“ führen, in denen sich die Tiere abwechseln und oft denselben Ruftyp wie ihr Interaktionspartner verwenden. Zwischen den einzelnen Lautäußerungen lagen meist nur rund 1,3 Sekunden. Zudem unterschieden sich die verwendeten Rufe und Kommunikationsmuster je nachdem, ob die Tiere mit Mitgliedern der eigenen Gruppe oder mit benachbarten Gruppen kommunizierten.
„Die Ergebnisse sprechen dafür, dass diese kooperative Affenart ihre Lautäußerungen flexibel an ihre Gesprächspartner und die Gruppenzugehörigkeit anpasst“, so Simone Pika und Filipa Abreu. Damit weist die Kommunikation der Primaten Merkmale auf, die bislang vor allem mit menschlichen Gesprächen in Verbindung gebracht wurden.
Während frühere Arbeiten oft überwiegend einzelne Rufarten oder Tiergruppen in Gefangenschaft untersucht haben, betrachtet die aktuelle Studie das gesamte Lautrepertoire freilebender Weißbüschelaffen in natürlichen sozialen Interaktionen. Dadurch entsteht ein umfassenderes Bild ihrer Kommunikationsfähigkeit und neue Ansatzpunkte für die Erforschung der Evolution von Sprache.
Originalpublikation:
https://www.nature.com/articles/s41598-026-60403-2?utm_source=rct_congratemailt&…

23.07.2026, Dinosaurier Museum Altmühltal
Dinosaurier Museum Altmühltal baut Langhalssaurier Arapahoe vor den Augen der Besucher auf
Spektakuläre Leihgabe aus Zürich zählt zu den größten originalen Dinosaurierskeletten Europas
Dinosaurier Museum Altmühltal baut Langhalssaurier Arapahoe vor den Augen der Besucher auf / Spektakuläre Leihgabe aus Zürich zählt zu den größten originalen Dinosaurierskeletten Europas
Mit dem 25 Meter langen Originalskelett des Langhalssauriers „Arapahoe“ präsentiert das Dinosaurier Museum Altmühltal ab sofort eines der größten originalen Dinosaurierskelette Europas. Die außergewöhnliche Leihgabe des Naturhistorischen Museums der Universität Zürich wurde heute im Rahmen einer Pressekonferenz offiziell vorgestellt. Gleichzeitig begann der öffentliche Aufbau des Skeletts in der Museumshalle, den Besucherinnen und Besucher in den kommenden Wochen live miterleben können. Das rund 150 Millionen Jahre alte Fossil eines Diplodocus-Verwandten verbindet internationale Spitzenforschung mit einer modernen Wissensvermittlung und macht Erdgeschichte unmittelbar erlebbar.
„Arapahoe“ wurde im Big Horn Basin im US-Bundesstaat Wyoming entdeckt und stammt aus der Zeit des Oberjura. Das Tier war zum Zeitpunkt seines Todes ca. 16 Jahre alt und damit noch nicht vollständig ausgewachsen. Besonders bemerkenswert ist der außergewöhnlich hohe Anteil an Originalknochen. Das Fossil wird im Dinosaurier Museum in den kommenden fünf Jahren kontinuierlich weiter präpariert und wissenschaftlich untersucht. Dadurch können Besucherinnen und Besucher den Fortschritt der Arbeiten hautnah miterleben, während gleichzeitig neue Erkenntnisse über den Langhalssaurier gewonnen werden.
„Dinosaurier wie Arapahoe sind der perfekte Einstieg in die Wissenschaft. Sie begeistern nicht nur aus paläontologischer Sicht, sondern verbinden nahezu alle naturwissenschaftlichen Disziplinen – von Geologie und Biologie bis hin zu Chemie, Physik und Mathematik. Wer Dinosaurier erforscht, taucht nicht nur in die Tiefenzeit der Erde ein, sondern entdeckt, wie eng die Naturwissenschaften miteinander verknüpft sind“, sagte Dr. Dennis Hansen vom Naturhistorischen Museum der Universität Zürich.
Auch der international anerkannte Diplodociden-Experte Dr. Emanuel Tschopp betonte die wissenschaftliche Bedeutung des Skeletts: „Arapahoe gehört zu den außergewöhnlich gut erhaltenen Diplodociden-Funden. Solche Originalskelette liefern uns wertvolle Informationen über Anatomie, Wachstum und die Lebensweise dieser riesigen Pflanzenfresser. Jeder gut erhaltene Fund hilft uns, das Bild dieser faszinierenden Tiere weiter zu vervollständigen.“
Für Raimund Albersdörfer, Paläontologe und Mitgründer des Dinosaurier Museums Altmühltal, ist die Präsentation auch ein persönlicher Meilenstein. Die ersten Knochen von Arapahoe wurden von ihm und seinem Team im Jahr 2008 entdeckt und dann mit größter Sorgfalt und Fachkenntnis über die nächsten Jahre hinweg von Hans Jacob Siber und dessen Gruppe Schweizer Paläontologen ausgegraben. „Bei der Grabung lagen die Knochen noch einzeln im Gestein. Heute steht daraus ein 25 Meter langer Dinosaurier vor uns. Diese Entwicklung miterlebt zu haben, ist etwas ganz Besonderes. Arapahoe zeigt eindrucksvoll, was durch internationale Zusammenarbeit und jahrzehntelange wissenschaftliche Arbeit möglich wird.“
Ein besonderes Merkmal der Präsentation im Dinosaurier Museum Altmühltal ist der öffentliche Aufbau des Skeletts. Über die nächsten Wochen können Besucherinnen und Besucher verfolgen, wie aus Hunderten einzelner Originalknochen Schritt für Schritt ein 25 Meter langer Langhalssaurier entsteht. Damit wird nicht nur das fertige Fossil gezeigt, sondern auch die wissenschaftliche und handwerkliche Arbeit hinter einer solchen Ausstellung sichtbar gemacht.
Die Präsentation von „Arapahoe“ ist das Ergebnis einer engen Kooperation zwischen dem Dinosaurier Museum Altmühltal und dem Naturhistorischen Museum der Universität Zürich. Ziel der Zusammenarbeit ist es, bedeutende Originalfossilien einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und aktuelle paläontologische Forschung verständlich zu vermitteln.
Mit der Eröffnung der neuen Ausstellung erweitert das Dinosaurier Museum Altmühltal seine Sammlung um ein außergewöhnliches Exponat. Gemeinsam mit weiteren Fossilien wie dem jugendlichen Tyrannosaurus rex „Rocky“, dem Allosaurier „Little Al“ und zahlreichen weiteren Funden bildet „Arapahoe“ künftig einen neuen Schwerpunkt der Museumshalle und gehört zu den bedeutendsten Dinosaurier-Ausstellungen Deutschlands.

23.07.2026, Deutsche Wildtier Stiftung
Die Natur ist eine Regenbogen-Party
Käfer zeigen als artenreichste Insektengruppe der Welt, wie wertvoll Vielfalt ist
Manche sind mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen, andere groß wie eine Handfläche. Einige tragen Hörner, andere markante Mundwerkzeuge. Die einen sind Tarnkünstler, die nächsten haben wirkungsvolle Abwehrmechanismen entwickelt, wieder andere leuchten in den schillerndsten Tönen – mit weltweit rund 400.000 Arten repräsentieren Käfer Vielfalt wie kaum eine andere Tiergruppe. In Deutschland sind derzeit etwa 7.000 Käferarten bekannt.
„Käfer sind die artenreichste Insektengruppe der Welt – und gleichzeitig eine oft übersehene. Dabei übernehmen sie Aufgaben, auf die unzählige Ökosysteme angewiesen sind“, sagt Anja Proske, Artenschützerin bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Käfer zersetzen totes Material, belüften den Boden, kurbeln den Nährstoffkreislauf an und halten manche Blattlaus vom Gartengemüse fern. Was alle Arten gemeinsam haben, sind sechs Beine, zwei Fühler und verhärtete Vorderflügel – die sogenannten Deckflügel. Sie sind zumeist hart wie ein kleiner Panzer und schützen das hintere Flügelpaar, mit dem die meisten Käferarten auch abheben. Nicht alle Arten können fliegen, doch ist jede auf ihre Weise besonders.
Der bekannte Hirschkäfer (Lucanus cervus), der seinen Namen den großen, geweihähnlichen Oberkiefern der Männchen verdankt, kann bis zu neun Zentimeter lang werden. Damit ist er nicht nur der größte Käfer Deutschlands, sondern auch Europas. Besonders weit springen können die winzigen Flohkäfer: Mit einem einzigen Hops überwinden sie eine Distanz, die dem Hundertfachen ihrer Körperlänge entspricht. So machen sie sich schnell aus dem Staub, wenn Feinde nahen. Der Große Bombardierkäfer (Brachinus crepitans) setzt auf eine andere Schutztaktik: Mit einem Knall schießt er ein heißes, ätzendes Wehrsekret aus seinem Hinterleib – inklusive einer kleinen Gaswolke.
Ein wahrer Kraftprotz unter den bunten Krabblern ist der Stierkopf-Dungkäfer (Onthophagus taurus). Er schafft es, das Tausendfache seines eigenen Körpergewichts zu ziehen. Diese Stärke nutzt er, um riesige Mengen frischen Tierkot zu transportieren. Kein Grund zum Naserümpfen, denn der Dungkäfer versorgt damit seinen Nachwuchs: Er trägt den Haufen in selbst gegrabene unterirdische Gänge, legt ein Ei hinein – und wenn die Larve schlüpft, ist das Buffet schon angerichtet. „Arten wie der Stierkopf-Dungkäfer sind wichtig für gesunde Wälder. Manche Käfer beseitigen auch Aas. So mindern sie das Risiko, dass sich Krankheiten ausbreiten“, erklärt Proske.
Die Tierwelt ist faszinierend und bunt. Der heimische Regenbogen-Blattkäfer (Chrysolina cerealis) trägt seine Farbenpracht sogar im Namen. Vollgepackt mit tierischer Vielfalt und noch mehr spannenden Infos ist die neue Käfer-Rallye der Deutschen Wildtier Stiftung. Abrufbar über die App „Actionbound“, nimmt die digitale Schnitzeljagd Naturfans mit auf die Spuren der unterschätzten Krabbler, quer durch den Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Sie verrät, welcher Käfer einen ganzen Frosch verspeisen kann, wie flott die allerschnellsten Exemplare unterwegs sind und warum die Punkte des Marienkäfers nichts mit seinem Alter zu tun haben. Die Tour ist eine von insgesamt zwölf Stadtnatur-Rallyes der Deutschen Wildtier Stiftung für Berlin.
Hier geht es zur Rallye: https://actionbound.com/bound/den-kaefern-hinterher-in-charlottenburg-wilmersdorf

24.07.2026, Justus-Liebig-Universität Gießen
Invasive Arten treffen den Globalen Süden deutlich härter als bisher angenommen
Studie mit Beteiligung der JLU korrigiert bisherige Annahmen zu invasiven Arten und zeigt Wege für eine neue internationale Umweltpolitik zur Reduzierung des Artensterbens auf
Invasive gebietsfremde Arten sind einer der weltweit größten Treiber des Artensterbens. Bisherige globale Einschätzungen zur geografischen Verteilung dieser Schäden litten jedoch unter einer systematischen Verzerrung in der Forschung („Research Bias“): Da in den Ländern des Globalen Nordens wie Nordamerika und Europa wesentlich mehr Forschung betrieben und dokumentiert wird, erschienen dort auch die höchsten Zahlen an invasiven Arten und damit auch die meisten Schadensberichte. Eine neue Studie unter Beteiligung von Prof. Dr. Hanno Seebens, Professor für Modellierung biologischer Systeme an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) und bei der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, zeigt nun: In Ländern des Globalen Südens richten invasive Arten signifikant höhere Schäden an als im Globalen Norden. Dies liegt an einer Kombination aus rasantem Wirtschaftswachstum und unzureichender staatlicher Governance. Die Studie, an der auch Forschende aus der Schweiz und Tschechien beteiligt sind, ist in der Fachzeitschrift „Science“ erschienen.
Schadensmessung statt Artenzählung
Das internationale Forschungsteam um Prof. tit. Dr. Sven Bacher (Universität Freiburg, Schweiz), Prof. Dr. Petr Pyšek (Tschechische Akademie der Wissenschaften) und Prof. Seebens nutzte einen neuen methodischen Ansatz: Anstatt lediglich die Präsenz der invasiven Art zu zählen, entwickelten die Wissenschaftler eine neue Metrik, die „durchschnittliche Schadensschwere“. Diese Kennzahl setzt die Anzahl der schwerwiegenden Auswirkungen – etwa die lokale Ausrottung heimischer Populationen– ins Verhältnis zu allen gemeldeten lokalen ökologischen Auswirkungen. Damit ist die Kennzahl unabhängig vom „Research Bias“. Die Grundlage der Arbeit bildet die neue Datenbank „Global Impacts Dataset of Invasive Alien Species (GIDIAS)“, welche über 22.000 dokumentierte Auswirkungen invasiver Arten in 172 Ländern umfasst.
Das Ergebnis ist eine wissenschaftliche Korrektur der bisherigen Annahmen zu den Folgen invasiver Arten: Während im Globalen Norden die absolute Anzahl der gemeldeten Arten und Berichte hoch ist, fällt die relative Schwere der Schäden im Globalen Süden deutlich ausgeprägter aus. „Das zeigt sich sogar bei einzelnen Arten“, erläutert Prof. Seebens. „Invasive Arten, die sowohl im Globalen Süden als auch im Globalen Norden Schäden anrichten, verursachen 50 Prozent schwerere Folgen in Ländern des Globalen Südens im Vergleich zu Ländern des Globalen Nordens. Besonders in Schwellenländern Südamerikas, Afrikas und Asiens führen Invasionen häufiger zu katastrophalen ökologischen Folgen.“
Schwellenländer besonders betroffen
Die Studie liefert auch eine Erklärung für dieses Phänomen, das vor allem Schwellenländer betrifft: Diese Länder verzeichnen ein hohes Wirtschaftswachstum und einen intensiven globalen Handel, was den Eintrag neuer invasiver Arten massiv beschleunigt. Gleichzeitig verfügen sie oft über weniger entwickelte staatliche Strukturen, höhere Korruptionsraten und geringere Kapazitäten im Management biologischer Invasionen.
„Während Länder des Globalen Nordens zwar viele invasive Arten haben, verhindert das intensive Management der Ökosysteme, dass es zu massiven Auswirkungen kommt“, so Prof. Bacher, Erstautor der Studie. „Im Gegensatz wirkt das steigende wirtschaftliche Potenzial der Schwellenländer wie ein Beschleuniger für die Einführung invasiver Arten, während die institutionelle Fähigkeit, darauf zu reagieren, hinterherhinkt.“ Die Studie zeigt mittels komplexer statistischer Modelle, dass eine gute Regierungsführung und ein proaktives Management die Schwere biologischer Invasionen effektiv reduzieren können. In Ländern des Globalen Südens fehlen diese Mechanismen oft, was dazu führt, dass invasive Arten ungehindert verheerende ökologische Schäden anrichten können.
Konsequenzen für die internationale Umweltpolitik
Die Ergebnisse der Studie haben weitreichende Konsequenzen für die internationale Umweltpolitik. „Prävention ist der effizienteste Weg, die Folgen von invasiven Arten zu verhindern, aber dafür benötigt es effektive Managementstrukturen in jedem Land und intensive internationale Kooperation“, betont Prof. Bacher. „Wenn wir die globale Biodiversitätskrise bewältigen wollen, müssen wir die Managementlücke zwischen Nord und Süd schließen und dürfen die am stärksten von invasiven Arten betroffenen Regionen nicht weiter marginalisieren.“ Die Forschenden weisen darauf hin, dass es nicht ausreiche, die Ausbreitung von Arten global zu überwachen. „Wir müssen verhindern, dass die ökologischen Schäden in den Regionen des Globalen Südens, die oft die höchste Biodiversität beherbergen, irreversibel werden“, sagt Prof. Seebens.
Originalpublikation:
Sven Bacher et al.: Invasive species’ environmental impacts are more severe in the Global South. Science393, 376-380 (2026)
https://doi.org/10.1126/science.aed0603

23.07.2026, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V.
Soziale Vererbung von Privilegien könnte erklären, warum bei einigen Tierarten Weibchen kompetitiver sind als Männchen
Bei Säugetieren sind Männchen meist stärker und kompetitiver als Weibchen. Zugleich weisen Männchen größere Ungleichheiten im ihrem Fortpflanzungserfolg – also der Zahl der gezeugten Nachkommen – auf als Weibchen. Bei Tüpfelhyänen ist jedoch das Gegenteil der Fall: Die Ungleichheit beim Fortpflanzungserfolg ist bei Weibchen größer als bei Männchen, da weibliche Tüpfelhyänen ihren sozialen Rang und die damit verbundenen Privilegien, etwa den vorrangigen Zugang zu Nahrung, an ihre Nachkommen weitergeben. Das zeigt eine neue Studie an Tüpfelhyänen aus acht Generationen von acht Clans im Ngorongoro-Krater in Tansania.
Die Studie wurde vom Ngorongoro-Hyänenprojekt des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und des Institut des Sciences de l‘Évolution de Montpellier (ISEM) durchgeführt und ist in der Fachzeitschrift „Science Advances“ erschienen. Sie könnte erklären, warum Weibchen bei manchen Tierarten das kompetitivere Geschlecht sind.
In der Tierwelt bekommen nicht alle Individuen gleich viel Nachwuchs. Diese Ungleichheit ist bei Säugetieren bei Männchen oft größer als bei Weibchen. Unter sich sexuell fortpflanzenden Arten produzieren Männchen zahlreiche, kleine und bewegliche Gameten (Spermien), während Weibchen eine geringe Zahl großer und nährstoffreicher Gameten (Eizellen) bilden. Bei Säugetieren tragen zudem die Weibchen die physiologischen Kosten der Trächtigkeit und Säugezeit. Da Weibchen bei jedem Fortpflanzungsvorgang weitaus mehr investieren als Männchen, sind sie bei der Partnerwahl wählerischer. Männchen profitieren stärker davon, sich mit möglichst vielen Weibchen zu paaren, und konkurrieren daher intensiv um den Zugang zu Partnerinnen. Dies führt zu Konflikten zwischen den Geschlechtern und lässt Geschlechterrollen entstehen: Männchen wollen möglichst viele Weibchen so oft wie möglich befruchten und kämpfen untereinander um den Zugang zu den Weibchen, während Weibchen wählerisch sind und viel in die Aufzucht ihrer Nachkommen investieren. Dieser als „Darwin-Bateman-Prinzip“ bezeichnete Mechanismus wurde für sehr viele Säugetierarten bestätigt.
Generationen-Effekt: Weibliche Hyänen zeigen deutlich höhere Ungleichheit im Fortpflanzungserfolg als männliche Hyänen
Forschende des Ngorongoro-Hyänenprojekts des Leibniz-IZW und des ISEM analysierten die Stammbäume der acht Tüpfelhyänen-Clans im Ngorongoro-Krater – insgesamt über 2.700 individuell bekannte Hyänen aus acht Generationen und 29 Jahren – und prüften, ob sich dieses Muster der größeren Ungleichheit im Fortpflanzungserfolg bei den Männchen bestätigen lässt. Sie berechneten den sogenannten „reproductive skew“ für Männchen und Weibchen separat und bezogen zunächst die direkten Nachkommen ein. Dabei zeigte sich, dass die Varianz bei Männchen wie bei den meisten Säugetieren größer war als bei Weibchen. „Dies bestätigt zunächst das Darwin-Bateman-Prinzip, dass eine größere Ungleichheit im Fortpflanzungserfolg auf der männlichen als auf der weiblichen Seite vorhersagt und erklärt“, sagt die Erstautorin der Studie, Marta Mosna vom Leibniz-IZW.
„Dank unserer langjährigen Stammbaumdaten von Hyänen im Krater konnten wir Familienlinien über Generationen hinweg nachverfolgen. Erst als wir unseren Blick über die Nachkommen hinaus auf die Enkel- und Urenkelgenerationen richteten, ergab sich das vollständige Bild“, sagt Dr. Eve Davidian, Co-Leiterin des Ngorongoro-Hyänenprojekts und Wissenschaftlerin am ISEM. „Je mehr Generationen einbezogen wurden, desto größer wurde die Ungleichheit auf weiblicher Seite. Privilegierte Abstammungslinien blieben nicht nur erfolgreich – sie wurden sogar immer zahlreicher.“ Hochrangige Weibchen bringen mehr direkte Nachkommen zur Welt als niederrangige Weibchen. Diese Kluft vergrößert sich dramatisch, wenn man die Nachkommen über mehrere Generationen hinweg berücksichtigt. In einer Generation stammen circa 10 Prozent der Nachkommen in einem Clan direkt von Alphaweibchen ab, in der nachfolgenden Generation jedoch schon 20 Prozent von einer Alpha-Großmutter. Nach sechs Generationen lassen sich quasi alle Individuen auf eine Alpha-Linie zurückverfolgen und die Ungleichheit im langfristigen Reproduktionserfolg unter den Weibchen ist extrem hoch.
In der väterlichen Linie ist dieses Muster weitaus weniger ausgeprägt: Folglich verschiebt sich die Ungleichheit beim Fortpflanzungserfolg über die Generationen hinweg rasch auf die Seite der Weibchen. Tüpfelhyänen scheinen daher nur dann dem typischen Muster der Säugetiere zu folgen, wenn ausschließlich die direkten Nachkommen berücksichtigt werden; sobald Enkel und Urenkel einbezogen werden, weisen die Weibchen eine größere Ungleichheit auf als die Männchen.
Bei Tüpfelhyänen beeinflusst der soziale Status den Fortpflanzungserfolg
Die Forschenden des Ngorongoro-Hyänenprojekts führen diese Umkehr auf das Sozialverhalten der Tüpfelhyänen, genauer gesagt auf die sozial vererbten Privilegien in der Linie der Alpha-Weibchen. „Bei Tüpfelhyänen sind die Clans in einer strengen Dominanzhierarchie organisiert, an deren Spitze ein Alpha-Weibchen steht. Die Nachkommen erben ihren sozialen Rang von ihrer Mutter“, sagt Philemon Naman, Feldassistent des Ngorongoro-Hyänenprojekts in Tansania. „Ein hoher Rang verschafft beiden Geschlechtern Vorteile in der frühen Lebensphase, wie beispielsweise vorrangigen Zugang zu Nahrung, schnelleres Wachstum und eine höhere Überlebensrate.“ Da Weibchen meist ihren mütterlichen Rang beibehalten, profitieren hochrangige Weibchen langfristig von diesen Vorteilen: Sie beginnen früher mit der Fortpflanzung, haben kürzere Geburtenabstände und insgesamt eine höhere Lebenserwartung im Vergleich zu Weibchen mit niedrigerem Rang.
An dieser Stelle beginnen die wesentlichen Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern. „Männchen verlassen fast immer den Clan, um sich einem anderen anzuschließen, sobald sie fortpflanzungsfähig sind, und verlieren dabei ihren mütterlichen Rang“, sagt Dr. Oliver Höner, Co-Direktor des Ngorongoro-Hyänen-Projekts und Wissenschaftler am Leibniz-IZW. „Infolgedessen können männliche Tüpfelhyänen – im Gegensatz zu hochrangigen Weibchen – einen privilegierten familiären Hintergrund nicht in dauerhaften Fortpflanzungserfolg und Abstammungslinien umsetzen, die über Generationen hinweg Nachkommen hervorbringen.“
Diese Umkehrung wird jedoch nur deutlich, wenn bei der Datenanalyse ein geeigneter, langfristiger Zeitrahmen zugrunde gelegt wird. „Wenn man nur die direkten Nachkommen misst, könnte man zu dem Schluss kommen, dass unter den Weibchen kaum Ungleichheit und daher kaum Konkurrenz herrscht“, erklärt Mosna. „Misst man jedoch über Generationen hinweg, sieht man das Gegenteil: Bei den Weibchen zeigt sich eine größere Ungleichheit in der Fortpflanzung und das könnte erklären, weshalb sie das kompetitivere Geschlecht bei den Hyänen sind!“
Große Konkurrenz und Ungleichheit bei der Reproduktion auf der Seite der Weibchen wurden auch bei anderen Arten beobachtet – beispielsweise bei Seepferdchen, bei denen die Männchen die Elternpflege übernehmen, oder bei Erdmännchen, bei denen die Fortpflanzung von einem dominanten Weibchen monopolisiert wird. „Diese Studie identifiziert einen dritten Weg zum gleichen Ergebnis: die Vererbung sozialer Privilegien über die weibliche Linie“, fasst Ko-Autor Dr. Alexandre Courtiol vom Leibniz-IZW zusammen. Diese Form der mütterlichen Vererbung von Privilegien kommt auch bei anderen Arten vor. Ob sie zu ähnlichen Umkehrungen der Fortpflanzungsungleichheit führt, ist eine Frage für zukünftige Forschungen.
Originalpublikation:
Mosna M, Courtiol A, Naman P, Höner OP, Davidian E (2026): The legacy of privilege: Social inheritance reverses sex differences in reproductive inequality in the spotted hyena. Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.aee7880

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