Neues aus Wissenschaft und Naturschutz

18.06.2018, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Brutpflege-Gen steuert Arbeitsteilung bei Ameisen
Der Erfolg von Ameisenstaaten beruht auf einer klaren Arbeitsteilung. Welche Gene das Verhalten der Arbeiterinnen steuern, ist aber bisher kaum bekannt. WissenschaftlerInnen der Universität Mainz und des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums haben jetzt ein Gen identifiziert, dessen Aktivität die Empfindlichkeit für Brutgeruch steuert und damit das Brutpflegeverhalten von Ameisen beeinflusst. Dies zeigen genetische Untersuchungen und Experimente an der nordamerikanischen Ameisenart Temnothorax longispinosus, berichtet die Gruppe aktuell in der Fachzeitschrift „PLoS Biology“.
Im Ameisenstaat herrscht strenge Arbeitsteilung. Die Königin ist primär für die Fortpflanzung zuständig. Die Arbeiterinnen erledigen den Rest der anfallenden Aufgaben, die sich im Laufe ihres Lebens wesentlich ändern. Junge Arbeiterameisen kümmern sich um den Nachwuchs und betreiben Brutpflege. Im mittleren Alter kümmern sich Arbeiterinnen um ihre erwachsenen Nestgenossinnen. Gegen Ende ihres Lebens gehen sie dann auf Nahrungssuche.
WissenschaftlerInnen der Universität Mainz und des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums haben jetzt ein Gen identifiziert, das bei diesen wechselnden Zuständigkeiten eine zentrale Rolle spielt. „In einer Genexpressionsstudie haben wir gesehen, dass bei Brutpflegerinnen das Vitellogenin-Gen like-A viel aktiver ist als bei Arbeiterinnen, die auf Nahrungssuche gehen. Diese unterschiedliche Genaktivität beeinflusst, wie stark die Ameisen aufgabenbezogene Reize wahrnehmen. Dementsprechend ändern sich die von ihnen ausgeführten Aufgaben“, erklärt Prof. Susanne Foitzik, Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Im Anschluss an die genetischen Studien prüfte die Gruppe die Rolle des Vitellogenin-Gens like-A experimentell. Dazu wurde das Gen in jungen Arbeiterinnen der nordamerikanischen Art Temnothorax longispinosus inaktiviert. Die so manipulierten Ameisen pflegten die Brut in geringerem Maße als gleichaltrige Ameisen einer Kontrollgruppe. Stattdessen kümmerten sie sich vermehrt um erwachsene Nestgenossinnen, eine Aufgabe, die sie normalerweise erst später im Leben übernehmen.
Entsprechend theoretischer Modelle zur Aufgabenverteilung in sozialen Insekten zeigte sich, dass dieser Aufgabenwechsel damit einhergeht, dass die Ameisen für Brutgerüche weniger und für die Signale der erwachsenen Arbeiterinnen stärker empfindlich sind.
Ameisen sind wie Bienen, Wespen und Termiten soziale Insekten. Ihre komplexen Gemeinschaften sind erfolgreich, weil sich Gruppenmitglieder auf bestimmte Aufgaben spezialisieren und diese effizienter ausführen. Bisher liegen jedoch wenige Erkenntnisse dazu vor, welche Mechanismen die Spezialisierung der Arbeiterinnen steuern.
„Lediglich bei Honigbienen wurde bisher ein Gen nachgewiesen, das die Sammelaktivität steuert. Mit unserem Erstnachweis eines Gens bei Ameisen, das die Brutpflege – also eine weitere wichtige Aufgabe – reguliert, schließen wir eine Wissenslücke in der genetisch basierten Verhaltenssteuerung sozialer Insekten“, resümiert Dr. Barbara Feldmeyer, Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum.
Publikation
Kohlmeier, P., Feldmeyer, B. and Foitzik, S. (2018):Vitellogenin-like A–associated shifts in social cue responsiveness regulate behavioral task specialization in an ant. PLoS Biology 16(6): e2005747. doi: 10.1371/journal.pbio.2005747

19.06.2018, NABU
NABU und REWE gründen Insektenschutzfonds
Maßnahmen fördern Biodiversität in der Landwirtschaft
Die Zahlen sind alarmierend: In den vergangenen Jahrzehnten ist die Masse der Fluginsekten in Schutzgebieten um bis zu 75 Prozent zurückgegangen. Jede dritte Insektenart ist nach der bundesweiten Roten Liste gefährdet bis ausgestorben. Aus diesem Grund haben sich der NABU und sein langjähriger strategischer Partner REWE zur Gründung eines Insektenschutzfonds entschlossen. Mit einer Startsumme von 300.000 Euro legt REWE das Fundament, um bundesweit umfassende Maßnahmen zum Schutz von Insekten umzusetzen. Durch den Fonds soll ein Beitrag gegen den dramatischen Insektenrückgang geleistet werden.
Der Mangel an vielfältigen Strukturen und der massive Einsatz von Pestiziden in unseren Agrarlandschaften sind die Hauptursachen für den Insektenrückgang. Intensiv bewirtschaftete Monokulturen bieten widrige Lebensbedingungen, in denen notwendige Nahrungs- und Nistmöglichkeiten großflächig fehlen. Deshalb werden mit Hilfe des Insektenschutzfonds noch in diesem Jahr rund 6,5 Hektar Ackerflächen und Wiesen durch die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe angekauft und somit gesichert. Zusätzlich sollen auf insgesamt 16 Hektar artenreiche Blühflächen auf Ackerrandstreifen, bunt blühende Wiesen und Weiden angelegt sowie Hecken gepflanzt werden. Zeitgleich wird ein Insektenmonitoring gestartet, um herauszufinden, wie sich die Insektenbestände auf den neuen Flächen entwickeln. Ein weiteres Ziel des Insektenschutzfonds ist es, die breite Öffentlichkeit über die wichtige Funktion von Insekten zu informieren.
NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller: „Insekten sind unersetzbar. Sie bestäuben Wild- und Kulturpflanzen und sind so für eine intakte Natur und die Erzeugung vieler Lebensmittel unerlässlich. Sie sind Nahrungsgrundlage unzähliger Tierarten und dienen dem biologischen Pflanzenschutz in der Landwirtschaft. Diese faszinierenden Tiere zu schützen, sollte uns allen ein großes Anliegen sein – sowohl politischen Entscheidungsträgern und Landwirten wie auch Unternehmen und Zivilgesellschaft. Mit REWE haben wir einen wichtigen Partner an unserer Seite, um dem Ziel zur Schaffung flächendeckender insektenfreundlicher Lebensräume ein Stück näher zu kommen.“
„Leider ist in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt, welche große Bedeutung die biologische Vielfalt für die Menschen hat und wie stark wir in der Landwirtschaft sowie der Produktion von Nahrungsmitteln von den Insekten abhängig sind. Seit Jahren setzen wir uns deshalb vorrangig in der Landwirtschaft für einen besseren Schutz der biologischen Vielfalt ein. Der Insektenschutzfonds bietet die Gelegenheit, uns noch stärker für den Erhalt der Insekten zu engagieren und unserer Verantwortung weiter gerecht zu werden. Dabei stellt die langjährige Partnerschaft mit dem NABU sicher, dass die Aktivitäten auf einem hohen naturschutzfachlichen Niveau umgesetzt werden“, sagt Dr. Daniela Büchel, die als Bereichsvorstand bei REWE für Nachhaltigkeit und Personal zuständig ist.
REWE hilft als Teil der REWE Group und in Kooperation mit der Naturschutzorganisation seit langem, die biologische Vielfalt zu sichern und so Lebensraum für Wildbienen zu schaffen. Zusammen mit der Bodensee-Stiftung und BirdLife Österreich haben die REWE Group und der NABU bereits 2010 ein Gemeinschaftsprojekt initiiert, an dem mittlerweile mehr als 300 Betriebe in ganz Deutschland teilnehmen. Im Rahmen des PRO PLANET-Apfelprojekts wurden bis dato 5.500 Hecken, Bäume und Sträucher gepflanzt und über 300 Hektar Blühflächen angelegt. Mehr als 2.000 Nisthilfen bieten Insekten einen Lebensraum, darüber hinaus wurden 6.000 Vogelhäuser und Fledermausquartiere aufgehängt, 400 Totholzhaufen angelegt und über 1.000 Sitzstangen für Greifvögel aufgestellt.
Zusätzlich hat REWE in den vergangenen Jahren bundesweit NABU-Gruppen mit 400.000 Euro dabei unterstützt, Streuobstwiesen zu sichern und so wichtigen Lebensraum für die Insekten zu schaffen. Zu den Maßnahmen gehörten beispielsweise die Pflanzung alter Obstsorten, fachgerechte Pflegemaßnahmen an Bäumen, die Anschaffung von Geräten für eine naturschutzgerechte Mahd, der Kauf heimischer und blühender Wildgehölze zur Erhöhung des Trachtangebotes sowie der Bau von Insektenhotels.
Der Insektenschutzfonds soll neben REWE auch weiteren Unternehmen und Privatpersonen die Möglichkeit bieten, sich bei der Planung und Durchführung praktischer Maßnahmen und Projekte zum Schutz von Insekten finanziell zu beteiligen. Grundsatz für alle Maßnahmen und Projekte des Insektenschutzfonds ist ihre nachhaltige, also dauerhafte und erfolgreiche Wirkung.

19.06.2018, Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT)
Was leisten Meeresschutzgebiete für Korallenriffe?
Wie effektiv lassen sich tropische Korallenriffe schützen? Ein internationales Team von 37 Wissenschaftlern untersuchte weltweit rund 1800 Korallenriffe, um die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen in Gebieten festzustellen, die unterschiedlich stark vom Menschen beeinflusst sind. Für die Studie wurden über einen Zeitraum von neun Jahren Daten erhoben, sie ist kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen.
Wie effektiv lassen sich tropische Korallenriffe schützen? Ein internationales Team von 37 Wissenschaftlern untersuchte weltweit rund 1800 Korallenriffe, um die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen in Gebieten festzustellen, die unterschiedlich stark vom Menschen beeinflusst sind. Für die Studie wurden über einen Zeitraum von neun Jahren Daten erhoben, sie ist kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen.
Mit seiner Forschung an Schutzgebieten vor der indonesischen Insel Sulawesi trug auch der Riffökologe Dr. Sebastian Ferse vom Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) zur der Untersuchung bei. „Wir konnten zeigen, dass der Einfluss des Menschen in der Umgebung der Riffe darüber bestimmt, welche Schutzziele erreicht werden“, berichtet Ferse.
Schutzgebiete in dicht besiedelten Gegenden beherbergten im Vergleich zu solchen in menschenleeren Regionen nur ein Viertel der Fischbiomasse. Ein Grund dafür ist die illegale Fischerei. Auch schwimmen Fische über die Grenzen des Schutzgebietes hinweg in Bereiche mit freiem Zugang für Fischer.
Die Wissenschaftler verglichen aber auch geschützte mit ungeschützten Gebieten, die jeweils unterschiedlich starkem Einfluss durch den Menschen ausgesetzt sind. „Dadurch konnten wir herausfinden, unter welchen Bedingungen Schutzmaßnahmen den größten Effekt erzielen“, sagt Sebastian Ferse.
In Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte fanden die Forscher in den Schutzgebieten bis zu fünfmal mehr Fischbiomasse als in frei befischten Riffen. Für die meisten Fischarten kann das beste Schutzergebnis demnach dort erzielt werden, wo der Mensch bereits einen recht starken Einfluss auf die Riffe ausübt. Die angrenzenden Meeresgebiete profitieren außerdem davon, wenn im Schutzgebiet aufgewachsene Fische sich in benachbarten Riffen ansiedeln.
Für die großen Raubfische, wie Haie und Riffbarsche, sah das Ergebnis allerdings anders aus. Die Wahrscheinlichkeit, in den Schutzgebieten dicht bevölkerter Regionen diesen Raubfischen zu begegnen, war um ein Hundertfaches niedriger als in menschenleeren Gegenden. Rund 200 Tauchgänge waren dort nötig, um einen der großen Raubfische zu sehen, an unbesiedelten Orten gelang dies hingegen bei fast jedem zweiten Tauchgang.
“Dies liegt daran, dass sich große Raubfische auch in großen Arealen bewegen und daher häufiger über die Grenzen des Schutzgebietes hinausschwimmen“, so Ferse. „Ausserdem zielt die Fischerei meist zunächst auf die größten Fische ab, so dass diese als erste dezimiert werden“. Geht es also darum, große Raubfische wie den vielerorts bedrohten Hai zu schützen, so sollten sich die Schutzbemühungen auf entlegenere Gegenden konzentrieren.
An vielen Standorten ist es aufgrund der sozialen, ökonomischen und kulturellen Bedingungen nicht realistisch, Schutzgebiete mit einem vollständigen Verbot der Fischerei durchzusetzen. „In der Studie untersuchten wir daher ausserdem die Wirksamkeit von eingeschränkter Fischerei, die zum Beispiel nur ausgewählte Fangmethoden zulässt“, erklärt Sebastian Ferse. „Ein solches Schutzkonzept ist meist einfacher zu akzeptieren und stellt einen Kompromiss dar.“
Die Wissenschaftler werteten die Ergebnisse als ermutigend. Auch wenn der Effekt nicht so groß war wie bei einem vollständigen Schutz, gäbe es durchaus deutlich mehr Fischbiomasse in diesen Gebieten als in solchen, die überhaupt keine Beschränkungen aufwiesen. Die Forschungsergebnisse bieten Umweltmanagern Informationen darüber, unter welchen Bedingungen bestimmte Ziele von Schutzmaßnahmen am wirkungsvollsten erreicht werden können.
Publikation
Die Studie mit dem Titel “The gravity of human impacts mediates coral reef conservation gains” ist diese Woche online in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen: www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1708001115

19.06.2018, Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Insektensterben durch Lichtverschmutzung
Klimawandel, Pestizide und Landnutzungsänderungen allein können den Rückgang von Insektengemeinschaften in Deutschland nicht vollends erklären. WissenschaftlerInnen vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) haben nun festgestellt, dass die Regionen, die einen starken Rückgang an Fluginsekten verzeichnen, auch unter einer hohen Lichtverschmutzung leiden. Viele Studien weisen bereits darauf hin, dass künstliches Licht in der Nacht negative Auswirkungen auf Insekten hat und dass diesem Umstand künftig mehr Beachtung geschenkt werden sollte, wenn es an die Ursachenforschung für das Insektensterben geht.
Die Biomasse fliegender Insekten ist um mehr als 75 Prozent zurückgegangen – diese alarmierende Zahl hat im Herbst 2017 Schlagzeilen gemacht. Die AutorInnen der 2017 veröffentlichten Studie* hatten die Zahl der Fluginsekten in ausgewählten Schutzgebieten innerhalb von Landwirtschaftsflächen in Deutschland über 27 Jahre beobachtet und vermuten, dass die Veränderungen von Klima und Lebensraum für den Rückgang der Insektenpopulationen verantwortlich sind. Gleichzeitig wiesen sie darauf hin, dass diese Einflüsse allein den drastischen Rückgang noch nicht erklären können.
Licht zur falschen Zeit bringt Ökosysteme aus dem Gleichgewicht
Ein klarer Arbeitsauftrag für die WissenschaftlerInnen der IGB-Arbeitsgruppe Lichtverschmutzung und Ökophysiologie. Denn dass künstliche Beleuchtung in der Nacht die Zahl und Gemeinschaften von Insekten stark beeinflusst, wissen sie aus früheren Arbeiten. Das Team um IGB-Forscherin Dr. Maja Grubisic hat sich deshalb zunächst die Lage der 2017er-Untersuchungsgebiete angeschaut: Gebiete in Ballungszentren, die eine überdurchschnittlich hohe Lichtverschmutzung aufweisen. „Die Hälfte aller Insektenarten ist nachtaktiv. Sie sind auf Dunkelheit und natürliches Licht von Mond und Sternen angewiesen, um sich zu orientieren und fortzubewegen oder Räubern auszuweichen. Und um ihren allnächtlichen Aufgaben wie Nahrungssuche und Fortpflanzung nachzugehen. Eine künstlich erhellte Nacht stört dieses natürliche Verhalten – mit negativen Auswirkungen auf die Überlebenschancen“, begründet Maja Grubisic den Ausgangspunkt ihrer Untersuchung.
Künstliche Beleuchtung in der Nacht könnte ein Grund für den Insektenrückgang sein
Die WissenschaftlerInnen haben alle jüngsten Einzelstudien zu den Auswirkungen von künstlichem Licht in der Nacht auf Insekten ausgewertet und festgestellt, dass Vieles für einen ernstzunehmenden Zusammenhang zwischen Lichtverschmutzung und Insektensterben spricht. Fluginsekten werden beispielsweise von künstlichen Lichtquellen angezogen – und gleichzeitig aus anderen Ökosystemen abgezogen – und sterben durch Erschöpfung oder als leichte Beute. Zusätzlich werden sie durch Lichtschneisen in ihrer Ausbreitung gebremst. Der dadurch fehlende genetische Austausch innerhalb zergliederter Insektenpopulationen könnte deren Widerstandsfähigkeit gegen andere negative Umwelteinflüsse reduzieren, die sich in landwirtschaftlich genutzten Gebieten besonders akkumulieren.
Auf Landwirtschaftsflächen – die immerhin elf Prozent der weltweiten Bodennutzung ausmachen – bedeuten weniger Insekten aber nicht nur eine geringere Artenvielfalt, sondern auch die Gefährdung wichtiger Ökosystemleistungen: weniger Nachtfalter, Käfer und Fliegen bestäuben zum Beispiel weniger Pflanzen. Und auch Veränderungen im Vorkommen und Verhalten von Schädlingen wie Blattläusen oder aber deren Feinden wie Käfern und Spinnen können das eingespielte System aus dem Gleichgewicht bringen. Darüber hinaus kann künstliches Licht in der Nacht auch direkte Auswirkungen auf Wachstum und Blütezeit der Pflanzen und somit den Ertrag haben.
Alle Einflussfaktoren müssen verstanden und berücksichtigt werden – darunter auch Lichtverschmutzung
„Unsere Übersichtsstudie zeigt, dass künstliches Licht in der Nacht weit verbreitet ist und komplexe Auswirkungen in landwirtschaftlichen Gebieten mit unbekannten Konsequenzen für die Biodiversität und Pflanzenproduktion haben kann. Daher sollte Lichtverschmutzung in zukünftigen Studien generell als potentieller Stressfaktor berücksichtigt werden, um letztlich Wege aufzeigen zu können, die helfen Umweltprobleme zu reduzieren,“ resümiert Dr. Franz Hölker, Leiter der Arbeitsgruppe Lichtverschmutzung und Ökophysiologie am IGB.
Lesen Sie die Studie in der Fachzeitschrift Annals of Applied Biology > https://doi.org/10.1111/aab.12440
Grubisic, M., van Grunsven, R.H.A., Kyba, C.C.M., Manfrin, A. and Hölker, F. (2018) Insect declines and agroecosystems: does light pollution matter? Ann Appl Biol. doi:10.1111/aab.12440
*Link zur Studie „More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas“: http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809

20.06.2018, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Mit Parasiten infizierte Stichlinge beeinflussen Verhalten gesunder Artgenossen
Bestimmte Bandwürmer bringen Stichlinge dazu, sich „leichtsinnig“ zu verhalten und so eine leichtere Beute für Vögel zu werden. Evolutionsbiologen aus Münster und Berlin zeigen nun erstmals: Die Würmer beeinflussen nicht nur das Verhalten der infizierten Fische. Indirekt können sie auch deren Schwarmgenossen zu einem riskanten Verhalten bringen.
Parasiten, die über die Nahrungskette weitergegeben werden, beeinflussen oft das Verhalten ihres Wirts zu ihren Gunsten. Ein Beispiel: Bandwürmer der Art Schistocephalus solidus bringen Dreistachlige Stichlinge dazu, sich „leichtsinnig“ zu verhalten: Die infizierten Fische wagen sich häufiger ins offene Wasser und werden so eine leichtere Beute für fischfressende Vögel, beispielsweise Eisvögel. Dies ist ganz im Sinne des Bandwurms, denn er vermehrt sich im Vogeldarm. Evolutionsbiologen um Dr. Jörn Peter Scharsack von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) zeigen nun erstmals: Die Bandwürmer beeinflussen nicht nur das Verhalten der infizierten Fische. Indirekt können sie auch deren gesunde Schwarmgenossen zu einem ebenso riskanten Verhalten bringen. Die Studie ist aktuell in der Fachzeitschrift „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlicht.
In Laborexperimenten zeigten die Forscher: In Stichlingsschwärmen, in denen der Anteil infizierter Fische die Zahl der gesunden Tiere übersteigt, folgt die gesunde Minderheit dem veränderten Verhalten ihrer infizierten Artgenossen. „Der Grund für diese ‚falsche‘ Entscheidung der nicht infizierten Stichlinge liegt vermutlich im Schwarmverhalten“, sagt Jörn Scharsack. „Der Drang, in der Gruppe zu bleiben, übersteigt die Vorsicht vor einem Vogelangriff.“ Umgekehrt jedoch ist es anders: Die infizierten Tiere verhalten sich in jedem Fall risikofreudig – sie orientieren sich auch dann nicht am vorsichtigen Verhalten ihrer gesunden Artgenossen, wenn diese in der Mehrheit sind.
In der freien Natur könnte die Fähigkeit des Parasiten, indirekt auch das Verhalten gesunder Stichlinge zu beeinflussen, Auswirkungen auf Stichlings- und Vogelpopulationen haben, so mutmaßen die Wissenschaftler. So könnten mehr Vögel angelockt werden, weil mehr Fische als Beute attraktiv sind. Der Fraßdruck auf die Fische könnte somit steigen. Letztendlich könnten mehr Bandwürmer in den Darm von Vögeln gelangen und sich dort vermehren.
An der Studie beteiligt waren neben Evolutionsbiologen der WWU Münster auch Forscher aus Berlin: vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und von der Humboldt-Universität.
Zur Methode:
Die Wissenschaftler zogen Dreistachlige Stichlinge im Labor auf und infizierten einige Tiere mit einem Bandwurm (Schistocephalus solidus). Sie beobachteten Gruppen von Stichlingen in einem Aquarium und zeichneten deren Verhalten vor und nach der Bedrohung mit einer Vogel-Attrappe auf. Nicht infizierte Stichlinge vermieden nach dem Vogelkontakt den oberen „gefährlichen“ Bereich des Aquariums, während infizierte Tiere rasch wieder zu dem oben angebotenen Futter zurückkehrten. In gemischten Gruppen mit überwiegend infizierten Stichlingen folgten die nicht infizierten Stichlinge ihren durch den Parasitenbefall wagemutigen Artgenossen.
Der Lebenszyklus des Bandwurms:
Die Bandwürmer der Art Schistocephalus solidus durchlaufen einen komplexen Lebenszyklus. Die frei im Wasser schwimmende Bandwurm-Larve muss zunächst von einem kleinen Ruderfußkrebs gefressen werden. Im Inneren des Krebses wächst die Larve, bis der Krebs mitsamt Larve von einem Dreistachligen Stichling, der bis zu elf Zentimeter lang wird, geschluckt wird. Im Inneren des Stichlings wächst der Bandwurm enorm. Nachdem er die Darmwand des Fisches durchbohrt hat und in dessen Leibeshöhle gelangt ist, kann er bis zu 50 Prozent des Gewichts seines Wirts erreichen. Trotzdem lebt der Fisch mit dem Parasiten weiter. Für den Bandwurm ist das Ziel erreicht, wenn der Stichling Beute eines Vogels wird: Dann kann er sich im Vogeldarm vermehren. Die Wurmeier gelangen mit dem Vogelkot ins Wasser, wo der Kreislauf von vorne beginnt.
Originalpublikation:
Nicolle Demandt, Benedikt Saus, Ralf H. J. M. Kurvers, Jens Krause, Joachim Kurtz, Jörn Peter Scharsack: Parasite-infected sticklebacks increase the risk-taking behavior of uninfected group members. Proceedings of the Royal Society B; DOI: 10.1098/rspb.2018.0956

20.06.2018, Charité – Universitätsmedizin Berlin
Neuartiges Hepatitis-B-Virus bei Kapuzineraffen entdeckt
Wissenschaftler der Charité – Universitätsmedizin Berlin und der Justus-Liebig-Universität Gießen haben eine neue Spezies des Hepatitis-B-Virus in brasilianischen Kapuzineraffen entdeckt. Die Ergebnisse geben Aufschluss über die Evolution der Hepatitis-B-Viren bei Primaten. Das Virus gelangte demnach vor Millionen von Jahren mit Affen aus Afrika nach Südamerika. Diese Erkenntnisse wurden jetzt in der Fachzeitschrift Journal of Hepatology* veröffentlicht.
Hepatitis-B ist eine Viruserkrankung der Leber. Rund 257 Millionen Menschen weltweit leben mit dieser Infektion. Auslöser der Erkrankung ist das Hepatitis-B-Virus (HBV), das durch Kontakt mit Blut oder anderen Körperflüssigkeiten einer infizierten Person übertragen wird. Ein internationales Forscherteam aus Deutschland, Brasilien und Belgien hat nun herausgefunden, dass Hepatitis-B-Viren ihren evolutionären Ursprung in nicht-menschlichen Primaten haben: genauer gesagt in den afrikanischen Vorfahren von südamerikanischen Affen, in denen sie vor langer Zeit entstanden sind. Bislang gab es darauf noch keinen eindeutigen Hinweis. Da sich das HBV nicht über die Luft verbreitet, muss es vor Millionen von Jahren mit den Affen über Inseln im Atlantik von den damals noch näher zusammenliegenden Küsten von Westafrika nach Südamerika gelangt sein. Denn bisherige Forschungsergebnisse legen nahe, dass sich die heute in Südamerika verbreiteten Affenarten aus afrikanischen Vorfahren entwickelt haben.
„Wann genau, wo und von wem HBV auf die menschliche Stammlinie übergesprungen ist, ist noch ein wissenschaftliches Rätsel, wahrscheinlich ist eine Übertragung über einen infizierten Affen“, sagt Prof. Dr. Jan Felix Drexler, Leiter der Arbeitsgruppe Virus-Epidemiologie am Institut für Virologie der Charité und Leiter der Studie an der Charité. Ob es eine Vermischung mit den zu der Zeit schon lange in Südamerika vorhandenen Hepatitis-B-Viren der nicht-menschlichen Primaten gab, muss noch weiter erforscht werden. „Fest steht aber, dass die von uns isolierte Virus-Spezies bei brasilianischen Kapuzineraffen dem menschlichen HBV ähnelt und dasselbe Protein auf der Zelloberfläche benutzt, um in menschliche Leberzellen einzudringen“, erklärt Prof. Drexler. Das entdeckte Virus, das die Forscher Capuchin Monkey HBV (CMHBV) genannt haben, ist erst die zweite isolierte HBV Art in nicht-menschlichen Primaten. 1998 wurde erstmals ein HBV beschrieben, das in Wollaffen entdeckt worden war.
„Bislang gibt es für eine chronische Hepatitis-B kaum effiziente Therapien. Die jetzt gewonnenen Erkenntnisse über die Spezies CMHBV möchten wir nutzen, um neue Ansätze für die vorklinische Testung von Medikamenten zu entwickeln“, ergänzt Prof. Dr. Dieter Glebe, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Hepatitis-B- und D-Viren der Justus-Liebig-Universität Gießen.
* de Carvalho Dominguez Souza BF et al. A novel hepatitis B virus species discovered in capuchin monkeys sheds new light on the evolution of primate hepadnaviruses. J Hepatol. 2018 Jun;68(6):1114-1122. doi: 10.1016/j.jhep.2018.01.029.

20.06.2018, Georg-August-Universität Göttingen
Gezielt zugreifen: Internationales Forscherteam untersucht intuitive Fähigkeit von Schimpansen
Internationales Forscherteam untersucht intuitive Fähigkeit von Schimpansen
Jahrzehntelang nahmen Wissenschaftler an, dass statistische Fähigkeiten eng an Sprachvermögen und mathematische Erziehung gekoppelt sind. Ein internationales Forscherteam der Universität Göttingen, des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der schottischen University of St. Andrews hat nun aber gezeigt, dass auch Menschenaffen intuitive Statistiker sind: Sie können intuitiv Zusammenhänge zwischen Stichproben erfassen und daraus Wahrscheinlichkeiten ableiten. Die Studie ist in der Fachzeitschrift Current Biology erschienen.
Menschenaffen mögen Erdnüsse deutlich lieber als Karotten. In einer Auffangstation in Uganda stellten die Forscherinnen und Forscher Schimpansen vor die Wahl, aus welcher von zwei Futtermischungen sie eine Kostprobe haben wollten: Eine Mischung bestand aus 200 Erdnüssen und 20 Karottenstückchen, bei der anderen waren die Verhältnisse umgekehrt. Doch zunächst mussten die Schimpansen Menschen beobachten, die ebenfalls Kostproben entnahmen – einmal gezielt, also mit Blick auf die Futtermischung, das andere Mal blind.
„Wählten die Menschen gezielt Erdnüsse oder Karotten aus, ignorierten die Schimpansen die Proportionen und entschieden sich für die Stichprobe des Forschers mit der gleichen Vorliebe wie sie selbst“, erläutert Erstautorin Johanna Eckert vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie die Ergebnisse. „Wählten die Menschen blind, änderten die Affen ihr Verhalten und bevorzugten das bessere Mengenverhältnis.“
Bemerkenswerterweise bevorzugten die Affen die Wahl der Experimentatoren nur dann, wenn die gezogenen Stichproben wiederholt nicht repräsentativ für das Mischverhältnis waren, zum Beispiel nur Erdnüsse aus der Karottenmischung gezogen wurden, nicht aber, wenn sie den statistischen Wahrscheinlichkeiten entsprach, also beispielsweise nur Erdnüsse aus der Erdnussmischung.
„Unsere Studie zeigt, dass Schimpansen ähnlich wie Kleinkinder bei statistischen Schlussfolgerungen sowohl Proportionen als auch Bedingungen der Probenentnahme beobachten“, so Eckert. „Das lässt darauf schließen, dass intuitive Statistik eine evolutionär alte Fähigkeit ist, die wir mit unseren nächsten lebenden Verwandten teilen.“
Originalveröffentlichung: Johanna Eckert et al. Chimpanzees Consider Humans‘ Psychological States when Drawing Statistical Inferences. Current Biology 2018. Doi: 10.1016/j.cub.2018.04.077.

21.06.2018, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen
Krankheitswirt mit Schneckenhaus – Erstnachweis zweier invasiver Schnecken in Europa

Senckenberg-Wissenschaftlerinnen haben mit einem internationalen Team erstmalig die Schneckenarten Austropeplea viridis und Galba cubensis in Europa nachgewiesen. Die zur Familie der Schlamm- bzw. Lebergelschnecken gehörenden Arten sind Neozoen und gelten sowohl als Schädling für Reispflanzen, als auch als potentielle Zwischenwirte für die Krankheit Fasziolose. Die Studien erschienen kürzlich in den Fachjournalen „Journal of Conchology“ und „Folia Malacologica“.
Laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind rund 2,5 Millionen Menschen weltweit von einer Fasziolose – der Infektion mit dem Großen Leberegel Fasciola hepatica – betroffen. Der Parasit, der zu den Saugwürmern gehört, siedelt normalerweise in den Gallengängen von Wiederkäuern wie Rindern, Ziegen und Schafen. In einigen Fällen kann er aber auch die menschliche Leber befallen. Zur Übertragung des Großen Leberegels kommt es durch den Verzehr roher Salate, Gemüse und wildwachsender Pflanzen, wie Brunnen- oder Wasserkresse.
„Als Vektoren der Krankheit fungieren Wasserschnecken, die Larven der Leberegel aufnehmen und diese dann in einem späteren Entwicklungsstadium wieder ausscheiden. Wir haben nun erstmalig zwei dieser Fasziolose-Zwischenwirte – die Schneckenarten Galba cubensis und Austropeplea virdis – in Europa nachgewiesen“, erklärt Dr. Katrin Schniebs von den Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen in Dresden.
Die Schnecken wurden in hoher Anzahl von Schniebs’ spanischen Kollegen und Koautoren der Studie Dr. Joaquin Lopez-Soriano und Dr. Sergio Quinonero-Salgado auf Reisfeldern im katalonischen Ebro-Delta gesammelt und nun bei Senckenberg Dresden molekulargenetisch untersucht. „Da diese Schneckenarten morphologisch kaum von anderen Arten zu unterscheiden sind, bietet nur die Genetik eine zuverlässige Bestimmung“, ergänzt Schniebs.
Sowohl die ursprünglich aus China, der Mongolei und Südostasien stammende Art Austropeplea viridis, als auch die im Karibischen Raum und Südamerika vorkommende Schnecke Galba cubensis wurden erstmalig in Europa nachgewiesen. „Für Galba cubensis ist es zugleich der erste molekulargenetisch nachgewiesene Freilandbeleg. Bisher gab es nur einige wenige Funde in Gewächshäusern, wobei es fraglich ist, ob es sich wirklich um diese Art gehandelt hat“, fügt die Dresdner Malakologin hinzu.
Die Leberegelschnecke Galba cubensis ist in der Karibik und in den südlichen Vereinigten Staaten der wichtigste Zwischenwirt für die Leberegelart Fasciola hepatica und potentieller Zwischenwirt für den deutlich größeren Leberegel Fasciloides magna. Außerdem gilt die Schneckenart in den südöstlichen USA als Zwischenwirt für die parasitär in Säugetieren lebenden Saugwürmer Heterobilharzia americana, durch die in der Viehzucht große Schäden entstehen.
Auch die in Europa neu entdeckte Schlammschneckenart Austropeplea viridis ist ein potentieller Zwischenwirt des Leberegels.
„Wir gehen davon aus, dass die in den spanischen Reisfeldern gesammelten Schnecken aus den nahegelegenen Aquakulturen stammen und sich dort ausgebreitet haben. Neben diesen Arten wurden auch weitere invasive Schnecken in einer hohen Individuendichte gefunden – das spanische Ebro-Delta kann daher als eine Art ‚Hotspot für Weichtier-Invasionen’ gelten“, erläutert Schniebs.
Das Wissenschaftlerteam geht davon aus, dass sich die potentiellen Krankheitserreger weiter in Europa ausbreiten werden – die spanischen Gesundheitsbehörden wurden bereits über den Risikofaktor informiert.
Publikationen
Schniebs, K., Glöer, P., Quiñonero-Salgado, S., Lopez-Soriano, J., & Hundsdoerfer, A. K. (2018) The first record of Galba cubensis (L. Pfeiffer, 1839)(Mollusca: Gastropoda: Lymnaeidae) from open fields of Europe. Folia Malacologica, 26(1), 3-15. https://doi.org/10.12657/folmal.026.002
Schniebs, K., Glöer, P., Vinarski, M.V., Quinonero-Salgado, S., Lopez-Soriano, J., Hundsdoerfer, A.K. 2017: A new alien species in Europe: First record of Austropeplea viridis (Quoy & Gaimard, 1833) (Mollusca, Gastropoda, Lymnaeidae) in Spain. Journal of Conchology 42(5): 357-370.

21.06.2018, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Selbsthaftende Gespenster
Kieler Forscher veröffentlichen umfassende evolutionsbiologische Studie über die Haftstrukturen von Stab- und Gespenstschrecken
Sie leben zwischen Blättern auf beinahe der ganzen Welt, sie werden zwischen einem und 60 Zentimetern groß und sie gelten als Meister der Tarnung: die Rede ist von Stab- und Gespenstschrecken (Phasmatodea). Das Besondere an ihnen sind aber nicht nur ihre Tarnkünste, sondern Haftpolster unter ihren Füßen, mit deren speziellen Mikrostrukturierungen sie an unterschiedlichsten Oberflächen haften bleiben. Ein Forscherduo der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) hat mit internationaler Unterstützung aus Russland und der Schweiz herausgefunden, dass die Mikrohaftstrukturen so vielfältig sind, wie die Krabbler selbst. Die Ergebnisse ihrer evolutionsbiologischen Studie veröffentlichten die Wissenschaftler im Journal of the Royal Society in London.
Erste kreidezeitliche Funde von Stab- und Gespenstschrecken lassen sich auf ein Alter von etwa 126 Millionen Jahren zurückdatieren. Bis heute wurden rund 3.000 Arten beschrieben, die – mit Ausnahme von wenigen kalten oder gemäßigten Klimazonen – beinahe auf allen Kontinenten vorkommen. Neben ihren Tarnkünsten verfügen die Pflanzenfresser über eine gute Haftungsfähigkeit auf Blättern, Rinde, Sand, Erde, Steinen und sogar auf Glas. Möglich macht das die Beschaffenheit ihrer Füße (Tarsen): Auf den ersten vier Segmenten, die Thies H. Büscher vom Zoologischen Institut der CAU näher untersucht hat, befindet sich jeweils ein Fersenhaftpolster. Das fünfte Glied trägt ein Zehenhaftpolster und zwei Krallen.
Forschungsergebnisse der frühen 2000er Jahre fanden bisher lediglich glatte, plateauförmige oder großnoppige Strukturen auf den Haftpolstern dieser Insektenordnung. Dieses Repertoire kann Büscher durch seine umfassende Studie auf acht erweitern: „Zu den drei bekannten Strukturen kommen noch flache, wellenförmige, kleinnoppige, labyrinth- und rippenartige. Diese Vielfalt innerhalb einer Insektenordnung ist ungewöhnlich, bei Fliegen zum Beispiel sind die Strukturen recht gleichartig, obwohl diese Ordnung viel mehr Arten beinhaltet.“ Thies Büscher ist Doktorand in der Arbeitsgruppe „Funktionelle Morphologie und Biomechanik“ von Professor Stanislav N. Gorb. Insekten – und ganz besonders Phasmiden – faszinierten Büscher schon immer. Durch Gorbs Expertise über Haftmechanismen der Natur und Büschers Faszination an Phasmiden kam den Biologen die Idee, die Haftungsfähigkeit dieser Sechsbeiner im Rahmen einer Doktorarbeit näher zu erforschen.
Büscher untersuchte Proben von über 130 Arten, die aus Museen und Züchtungen stammen. Hierfür standen lebende, in Alkohol konservierte sowie getrocknete Stab- und Gespenstschrecken zur Verfügung. Um die Mikrohaftstrukturen auf den Tarsen sichtbar zu machen, fertigte Büscher rasterelektronenmikroskopische Aufnahmen im getrockneten Zustand von jeder Probe an. Anschließend modellierte Mikhail Kryuchkov (Institut für Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Lausanne, Schweiz), betreut durch Vladimir L. Katanaev (Institut für Pharmakologie und Toxikologie an der Universität Lausanne, Schweiz sowie Institut für Biomedizin an der Fernöstlichen Staatlichen Universität in Wladiwostok, Russland), und mithilfe von Alan Turings Reaktions-Diffusions-Modell die mathematische Simulation aller Muster. Das Modell dient dazu, die Entstehung von allen Mikrohaftstrukturmustern der Phasmiden theoretisch zu erklären. Auf diese Weise konnten sie zeigen, dass die unterschiedlichen Strukturen durch Selbstorganisation geformt und sehr einfach umgewandelt werden können.
Evolutionsbiologische Entwicklung der Strukturen
„Die Ergebnisse haben uns alle sehr überrascht. Wir sind davon ausgegangen, dass es bei der globalen Verbreitung von Stab- und Gespenstschrecken einen stammesgeschichtlichen Zusammenhang in der Entwicklung ihrer Haftpolster geben muss, nah verwandte Arten also ähnliche Mikrostrukturen besitzen müssten“, sagt Büscher. „Wir konnten aber nachweisen, dass sich dieselben Strukturen in unterschiedlichen Arten unabhängig voneinander entwickelt haben müssen. Dabei konnten wir ein wiederkehrendes Muster identifizieren: Bestimmte Haftstrukturen kommen bei bestimmten Phasmiden vor, die in bestimmten Habitaten vorkommen. Phasmiden, die auf dem Boden leben, haben häufig noppige Haftstrukturen. Diese sind auf ein breites Spektrum an rauen Oberflächen angepasst.“ Bei glatten Haftstrukturen verhält es sich anders: „Glatte Haftstrukturen haften am besten auf glatten Oberflächen, wie denen von Blättern. Eine Möglichkeit, andere Strukturen durch relativ einfache Mechanismen, nämlich der Änderung der Konzentration eines chemischen Bestandteiles bei der Entwicklung des Haftpolsters zu bilden, könnte dabei ein großer Vorteil sein. Auf diese Weise konnten sich die Haftstrukturen schnell an den jeweiligen Lebensraum anpassen. Das lässt auf eine evolutionsbiologische Entwicklung schließen“, resümiert Büscher.
Über die genauen Eigenschaften und Funktionen einiger Strukturen kann das Team nur spekulieren. Weitere Forschung soll Klarheit bringen, welche Mikrohaftstrukturen sich für welchen Untergrund am besten eignen und welche weiteren Eigenschaften, wie beispielsweise selbstreinigende, sie haben.
Doktorvater Gorb sieht in der Erforschung der Stab- und Gespenstschrecken ein großes Potenzial: „Mithilfe der Evolutionsforschung und der Biomechanik können wir funktionelle Prinzipien in der Natur besser verstehen, um daraus in der Zukunft einen Nutzen für die Gesellschaft zu ziehen.“ Büscher betont den wertvollen Nutzen für Wirtschaft und Industrie: „Indem wir die Haftprinzipien der Phasmiden entschlüsseln und besser verstehen, wie sie genau funktionieren, schaffen wir neue Anreize für die Entwicklung von Oberflächen mit einer Haft- oder Antirutschfunktion. Solche Oberflächen finden ihren Einsatz zum Beispiel in der Robotik, wenn es darum geht, die Arme eines Roboters so zu gestalten, dass er Bauteile mittels physikalischer Haftung greifen, und auch wieder loslassen, kann, ohne dass dabei das Bauteil selbst eine entsprechende Beschichtung braucht – ganz wie bei den Stab- und Gespenstschrecken und ihrer Umgebung.“
Originalpublikation:
Thies H. Büscher, Mikhail Kryuchkov, Vladimir L. Katanaev, Stanislav N. Gorb. 2018. Versatility of Turing patterns potentiates rapid evolution in tarsal attachment microstructures of stick and leaf insects (Phasmatodea). J.R. Soc. Interface 20180281.
http://dx.doi.org/10.1098/rsif.2018.0281

22.06.2018, Australisch-Neuseeländischer Hochschulverbund / Institut Ranke-Heinemann
Geheimnisse über ausgestorbene Kuh mit Bulldoggengesicht gelüftet
Es gab einmal eine Kuh, die sah aus wie eine Bulldogge. Das ist kein Märchen! Obwohl das Niatarind schon lange ausgestorben ist, konnten australische und Schweizer Wissenschaftler nun neue Einblicke in die Anatomie der einzigartigen Rasse gewinnen. Schon Darwin war von der Kuh mit dem Bulldoggengesicht fasziniert. Weltweit gibt es in verschiedenen Sammlungen noch Skelettüberreste, die mit modernen Technologien untersucht werden konnten.
Ein Zusammenschluss internationaler Wissenschaftler hat unter der Verwendung von neuesten genetischen und anatomischen Arbeitsmethoden die Überreste einer Kuh mit dem Gesicht einer Bulldogge untersucht. Dieses Tier hatte schon Charles Darwin fasziniert, als er diesem in Argentinien vor 180 Jahren begegnete.
Die Studie des australisch-schweizerischen Teams, welchem auch Dr Laura Wilson von der University of New South Wales in Sydney angehörte, belegt, dass es sich bei der mittlerweile ausgestorbenen Kuh um eine einzigartige Rasse handelte. Anders als viele Bulldoggen litten die Tiere aufgrund ihrer besonderen Anatomie nicht unter Beeinträchtigungen der Atmung oder des Essverhaltens.
Die im Journal Scientific Reports veröffentlichte Studie könnte Wissenschaftlern dabei helfen zu verstehen, wie vom Aussterben bedrohte Spezies besser geschützt werden können. „Nur wenige Menschen wissen heute, dass es vor mehreren hundert Jahren eine Kuh gab, die ein bulldoggenähnliches Gesicht hatte und als Niata bekannt war“, so Dr Wilson.
„In unserer Studie ging es darum, mehr über die Anatomie und die Genetik des Tiers herauszufinden. Unser Hauptergebnis ist, dass das Niatarind eine einzigartige Rinderart im Bereich der Viehzucht war“, so Professor Sanchez-Villagra, ein Wissenschaftler der Universität Zürich und Co-Autor der Studie.
Charles Darwin sah dieses sonderbare Tier, als er in den 1840er Jahren das ländliche Argentinien und die Regionen rund um Buenos Aires besuchte. Er schrieb über das Tier und stellte Fragen zu seinem Ursprung: zu seiner Anatomie, seiner Beziehung zu anderen Kühen und zu seiner Funktionsweise hinsichtlich der besonderen Kopfform. Auch der Schweizer Anatom Rütimeyer schrieb über das Niatarind in seinen umfangreichen Viehstudien.
Das Niatarind ist ausgestorben, doch es sind noch einige Skelette in Sammlungen weltweit erhalten geblieben. Mit den heutigen neuen Untersuchungsmethoden hatte das australisch-schweizerische bessere Möglichkeiten als frühere Wissenschaftler, die Anatomie des Niatarinds zu untersuchen. „Bis zu unserem Paper gab es keine Versuche, die Anatomie dieses besonderen Rinds mit neuen Untersuchungsmethoden zu verstehen. Wir nutzten die Vererbungslehre, nicht-invasive Bilddarstellung und biomechanische Analysen – alles Werkzeuge, die Darwin nicht zur Verfügung standen“, so Professor Sànchez-Villagra.
Die Wissenschaftler bestätigen Darwins Ansatz, dass diese ausgestorbene Form des Viehs eine reine Rasse mit einzigartigen Schädelmerkmalen war. „Eine reine Rasse ist es dann, wenn seine Merkmale die Zeit überdauern und sie von anderen Arten unterschieden werden können – selbst wenn es zu einer Kreuzung mit anderen Rasse kommt“, so Dr Wilson.
„Wir wissen jetzt auch, dass die Niata eine Rinderrasse und aufgrund ihrer kurzen Schnauze und ihres Unterbisses einzigartig war. Durch diesen Körperbau ergaben sich Unterschiede im Bereich der Nahrungsaufnahme.“ Die Untersuchung der Anatomie zeigten, dass die Nasenregion kaum durch die kurze Schnauze und den Unterbiss beeinflusst war. Anders als bei manchen Bulldoggen litt das Niatarind auch nicht unter Atemproblemen. Die Wissenschaftler haben ausserdem moderne Computermodelle erstellt, um herauszufinden inwiefern das kurze Gesicht die Kaufähigkeiten des Niatarinds im Vergleich zu anderem Vieh beeinflusste. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass auf die Schädelknochen der Tiere während der Nahrungsaufnahme weniger Druck ausgeübt wurde.
Die Domestizierung der Tiere hat zu Veränderungen des Erscheinungsbildes vieler Säugetiere und zu vielen Abwandlungen innerhalb verschiedener Rassen geführt. Hierbei sind Kreuzungen wie beispielsweise zwischen dem australischen Dingo und den Haushunden gängie Praxis. „Domestizierung spiegelt grundsätzlich das wider, was bei der natürlichen Selektion geschieht. Dies ist eine Beobachtung, die seit Darwin viele Wissenschaftler fasziniert und herausgefordert hat,“ so Dr Wilson.
„Die Niata-Kuh steht beispielhaft für das Aussterben von seltenen Rassen. Durch ein verbessertes Verständnis ihrer Biologie erlangen Wissenschaftler Kenntnisse , wie bedrohte Arten geschützt werden können. Während wir zwar nicht genau wissen, warum die Niata-Kuh ausgestorben ist – genaue Studien über den Verlauf ihrer Population existieren nicht – können wir aber immerhin konkrete Schlussfolgerungen ziehen. Wir wissen, dass die Kuh entgegen ihrer Sonderbarkeit essen und leben konnte, wie jede andere Kuh auch. Ihr Aussterben war deshalb kein Ergebnis der Nichtanpassung – stattdessen fand ihr Aussterben in Argentinien zeitgleich mit der Intensivierung der Viehzucht statt. Einer Zeit, in der nach der optimalen Rinderrasse gesucht wurde. Das bedeutet, dass der Fokus auf deutlich weniger Rassen lag und viele Tiere ausstarben.“
„Dies geschah mit vielen Arten der domestizierten Tiere, was dazu führte, dass die genetische und morphologische Vielfalt der Tiere, die uns am nächsten sind, radikal abnahm“, so Professor Sànchez-Villagra.
Darwins Niata wiederbeleben – eine anatomische, biomechanische, molekulare und morphometrische Studie zur Rinderdomestizierung von Veitschegger K, Wilson LAB, Nussberger B, Camenisch G, Wroe S, Keller LF, Sanchez-Villagra MR wurde im Scientific Reports veröffentlicht (doi:10.1038): https://www.nature.com/articles/s41598-018-27384-3

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