Der Schuhschnabel in Brehms Tierleben

Schuhschnabel (Brehms Tierleben)

Der absonderlichste Vogel Afrikas, einer der eigenartigsten des Erdballes, ist der Schuhschnabel (Balaeniceps rex), Vertreter einer gleichnamigen Sippe (Balaeniceps) und Familie (Balaenicipidae). Ihn kennzeichnen massiger Leib, dicker Hals und großer Kopf, der gewaltige, einem plumpen Holzschuhe nicht unähnliche, auf der Firste seicht eingebogene, gekielte, starkhakige Schnabel, dessen breite Unterkiefer bis zu ihrer Verbindungsstelle durch eine lederige Haut verbunden werden, die sehr hohen Beine und großen Füße, deren lange Zehen mit kräftigen Nägeln bewehrt sind, die breiten und langen Flügel, unter deren Schwingen die dritte und vierte die längsten, der mittellange, gerade, zwölffederige Schwanz und das großfederige, ziemlich weiche Kleingefieder, welches am Hinterhaupte einen kurzen Schopf bildet. Ein schönes Aschgrau ist die Grundfärbung des Gefieders; die Ränder der größeren Federn sind lichtgrau, die Schwingen und Steuerfedern grauschwarz. Das Auge ist hellgelb, der Schnabel hornfarben, der Fuß schwarz. Junge Vögel tragen ein schmutzig oder rostig braungraues Kleid. Die Länge beträgt einhundertundvierzig, die Breite zweihundertzweiundsechzig, die Fittiglänge dreiundsiebzig, die Schwanzlänge fünfundzwanzig Centimeter. Das Weibchen ist beträchtlich kleiner.

Dieser Riese der Sumpfvögel lebt, nach Heuglins und Schweinfurths Beobachtungen, einzeln, paarweise und in zerstreuten Gesellschaften, möglichst fern von allen menschlichen Ansiedelungen in den ungeheueren, meist unzugänglichen Sümpfen des Weißen Nils und einigen seiner Nebenflüsse, insbesondere im Lande der Kitsch- und Nuër-Neger, zwischen dem fünften und achten Grade nördlicher Breite. An anderen Gewässern Innerafrikas ist er noch nicht beobachtet worden. Gewöhnlich sieht man ihn hier an den mit dichtem Schilfe und Papyrusstauden umgebenen Lachen inmitten dieser Sümpfe fischen oder aber auf einem der auf trockeneren Stellen der Sümpfe sich erhebenden Termitenhügel bewegungslos, nicht selten auf einem Beine, stehen, um von hier aus Umschau zu halten oder zu verdauen. Scheu und vorsichtig erhebt er sich bei Annäherung eines Menschen schon aus weiter Entfernung unter lautem Geräusche und fliegt dann niedrig und schwer über das Rohr hin, welches ihn dem Auge bald entzieht. Wird er dagegen durch Schüsse in Furcht gesetzt, so erhebt er sich hoch in die Luft, kreist und schwebt längere Zeit umher, kehrt aber, so lange er verdächtige Menschen gewahrt, nicht wieder zum Sumpfe zurück. An freies Wasser kommt er wohl auch einmal, immer aber selten.

In seinem Gange und Fluge ähnelt der Schuhschnabel dem Marabu, trägt jedoch den Leib mehr wagerecht und läßt den schweren Kopf auf dem Kropfe ruhen. Im Fluge zieht er den Hals ein, wie Reiher thun. Der einzige Ton, welchen er von sich gibt, ist ein lautes Knacken und Klappern mit dem Schnabel, welches an das Storchgeklapper erinnert. Seine Nahrung besteht vorzugsweise aus Fischen, und sie weiß er, oft bis zur Brust im Wasser stehend, den gewaltigen Schnabel nach Reiherart plötzlich vorstoßend, geschickt zu fangen. Zuweilen soll er auch, nach Gewohnheit der Pelekane, mit anderen seiner Art förmliche Treibjagden abhalten, indem er mit den Genossen einen Kreis bildet und, schreitend und mit den Flügeln schlagend, die Fische auf seichte Uferstellen zu drängen sucht. Petherick versichert, daß er Wasserschlangen fange und tödte, auch die Eingeweide todter Thiere nicht verschmähe und, um zu ihnen zu gelangen, nach Art des Marabu den Leib eines Aases aufreiße, gründet diese Angaben aber nicht auf eigene, sondern auf die Beobachtungen seiner Leute und dürfte hinsichtlich der Schlangen falsch berichtet haben, da ein Flösselhecht (Polypterus) die »Schlange des Flusses« genannt wird.

Die Brutzeit fällt in die dortige Regenzeit, also in die Monate Juni bis August. Der Schuhschnabel erwählt zur Anlage seines Nestes eine kleine Erhöhung im Schilfe oder Grase, entweder unmittelbar am Rande des Wassers oder inmitten des Sumpfes, am liebsten da, wo umgebendes Wasser den Zugang erschwert, und fügt hier aus zusammengehäuften lockeren Stengeln der Sumpfpflanzen ein sehr großes, oft durch Rasen- oder Schlammstücke befestigtes und fast meterhohes Nest zusammen. Die Eier sind, nach Heuglins Angabe, verhältnismäßig klein, etwa achtzig Millimeter lang und fünfundfunfzig Millimeter dick, eigestaltig, weiß, frisch etwas bläulich angeflogen, später, infolge des Bebrütens, bräunlich beschmutzt; die dicke, feinkörnige Schale scheint dunkelgrün durch und hat einen glatten Kalküberzug, in welchem sich häufig äußere Eindrücke finden, und der hier und da blasig ist oder an der Spitze fast ganz fehlt. Derselbe Naturforscher versichert, daß das aus dem Neste genommene Junge sich sehr leicht mit Fischen erhalten und zähmen läßt, Petherick hingegen, daß alle die Jungen, welche durch seine Leute ausgenommen wurden, gestorben seien und er deshalb genöthigt worden wäre, solche durch Hühner ausbrüten und mühselig aufatzen zu lassen. Daß diese Mittheilung unwahr ist, bedarf für den Kundigen keines Beweises, so zweifellos es auch ist, daß es Petherick war, welcher im Jahre 1860 lebende Schuhschnäbel nach London brachte.

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