Der Klippschliefer in Brehms Tierleben

Klippschliefer (Brehms Tierleben)

Es ist ziemlich gleichgültig, welche Art von den bis jetzt bekannten Klippschliefern wir uns zur Betrachtung erwählen, weil in ihrer Lebensweise alle übereinkommen. Nur weil ich auf meinem Jagdausfluge nach Habesch Gelegenheit hatte, den dort vorkommenden Aschkoko (Hyrax abyssinicus) kennen zu lernen, habe ich dessen Beschreibung hier aufgenommen. Die Länge des Thieres beträgt 25 bis höchstens 30 Centim.; der Pelz besteht aus ziemlich langen, an der Wurzel gewellten, übrigens schlichten und feinen Haaren, welche am Grunde graubraun, in der Mitte fahlgrau und vor der lichten Spitze dunkelbraun aussehen, so daß die Gesammtfärbung zu einem heller und dunkler gesprenkelten Fahlgrau wird. Die Unterseite ist lichter, fahlgelblich, ein Mundwinkelstreifen gelblichweiß, ein Fleck auf dem Rücken braun, das Ohr außen fahlgrau, innen hellfahl, das Auge tief dunkelbraun, die Nasenkuppe schwarz. Abänderungen der Färbung scheinen ziemlich häufig vorzukommen.

Die Klippschliefer dürfen als bezeichnende Thiere der Wüsten- und Steppengebirge aufgefaßt werden. In verschiedenen, jedoch keineswegs leicht zu bestimmenden Arten bewohnen sie alle Gebirge Syriens, Palästinas und Arabiens, vielleicht auch Persiens, der gesammten Nilländer, Mittel- und Südafrikas, und zwar die Hochgebirge bis zu zwei- oder dreitausend Meter unbedingter Höhe nicht minder zahlreich als die inselartig aus den Ebenen emporragenden Kuppen und Kegel, welche den Steppenländern Nordostafrikas ein so eigenthümliches Gepräge verleihen.

Je zerklüfteter die Felswände sind, um so häufiger trifft man sie an. Wer ruhig durch die Thäler schreitet, sieht sie reihenweise auf den Felsengesimsen sitzen oder noch öfter liegen; denn sie sind ein behagliches, faules Volk, welches sich gern von der warmen Sonne bescheinen läßt. Eine rasche Bewegung oder ein lautes Geräusch verscheucht sie augenblicklich: die ganze Gesellschaft bekommt Leben; alles rennt und flüchtet mit Nagergewandtheit dahin, und ist fast im Nu verschwunden. In der Nähe der Dörfer, wo man sie ebenfalls, oft fast unmittelbar neben den Häusern, antrifft, scheuen sie sich kaum vor den Eingeborenen und treiben in seiner Gegenwart dreist ihr Wesen, gerade, als wüßten sie, daß hier niemand daran denkt, sie zu verfolgen; vor fremdartig gekleideten oder gefärbten Menschen aber ziehen sie sich augenblicklich in ihre Felsspalten zurück. Weit größere Furcht als der Mensch flößt ihnen der Hund oder ein anderes Thier ein. Wenn sie sich auch vor ihm in ihren Ritzen wohl geborgen haben, vernimmt man dennoch ihr eigenthümliches, zitternd hervorgestoßenes gellendes Geschrei, welches mit dem kleiner Affen die größte Aehnlichkeit hat. Die Abessinier glauben, daß der schlimmste Feind der Klippschliefer, der Leopard, an den Felswänden dahinschleicht, wenn diese gegen Abend oder in der Nacht ihre Stimmen vernehmen lassen; denn ungestört soll man sie nach Sonnenuntergang niemals schreien hören. Auch Vögel können ihnen das größte Entsetzen verursachen. Eine zufällig vorüberfliegende Krähe, selbst eine Schwalbe ist im Stande, sie nach ihrer sicheren Burg zurück zu jagen.

Um so auffallender ist es, daß die furchtsamen Schwächlinge mit Thieren in Freundschaft leben, welche unzweifelhaft weit gefährlicher und blutdürstiger sind als selbst die raubgierigsten Adler. »Schon öfter war es mir aufgefallen«, erzählt Heuglin, »in und auf den von Klippschliefern bewohnten Felsen gleichzeitig und, wie es schien, im besten Einvernehmen miteinander lebend, eine Manguste (Herpestes Zebra) und eine Dornechse (wohl Stellio cyanogaster) zu finden. Nähert man sich einem solchen Felsen, so erblickt man zuerst einzeln oder gruppenweise vertheilt die munteren und possirlichen Klipp dächse, auf Spitzen und Absätzen gemüthlich sich sonnend oder mit den zierlichen Pfötchen den Bart kratzend; dazwischen sitzt oder läuft eine behende Manguste, und an dem steilen Gestein klettern oft fußlange Dornechsen. Wird der Feind der Gesellschaft von dem auf dem erhabensten Punkte des Felsbaues als Schildwache aufgestellten Klippdachse bemerkt, so richtet sich dieser auf und verwendet keinen Blick mehr von dem fremden Gegenstande: aller Augen wenden sich nach und nach dahin; dann erfolgt plötzlich ein gellender Pfiff der Wache, und im Nu ist die ganze Gesellschaft in den Spalten des Gesteins verschwunden. Untersucht man letzteres genauer, namentlich mit stöbernden Hunden, so findet man Klippdachse und Eidechsen vollständig in die tiefsten Ritzen zurückgezogen, die Manguste dagegen setzt sich in Vertheidigungsstand und kläfft nicht selten zornig die Hunde an. Zieht man sich nun an einen möglichst gedeckten Ort in der Nähe zurück, so erscheint nach der betreffenden Richtung hin, vorsichtig aus einer Spalte guckend, der Kopf einer Dornechse; sie findet es zwar noch nicht ganz sicher, kriecht aber langsam, den Körper fest an das Gestein drückend, mit erhobenem Kopfe und Halse etwas weiter vorwärts, und bald folgen ihr in ähnlicher Weise, fortwährend nach der verdächtigen Stelle schauend, mehrere andere Eidechsen, zuweilen eine Bewegung mit dem Oberkörper machend und einen schnarrenden Ton von sich gebend. Nach geraumer Zeit wird ein Theil vom Kopfe einer Manguste sichtbar; das Thier entschlüpft nur langsam und vorsichtig der schützenden Spalte, schnüffelt gegen den Wind und erhebt sich endlich auf die Hinterbeine, um bessere Rundschau halten zu können. Zuletzt kommt ein Klippdachskopf um den anderen zum Vorscheine, aber alle immer noch sehr aufmerksam die gefährliche Richtung nach dem Versteck des Jägers beobachtend, und erst wenn die Eidechsen wieder angefangen haben, ihre Jagd auf Kerbthiere zu betreiben, ist Furcht und Vorsicht verschwunden und die allgemeine Ruhe hergestellt.«

Ungern nur verlassen die Klippschliefer ihren Felsen. Wenn das Gras, welches zwischen den Blöcken hervorsproßte, abgeweidet ist, steigen sie allerdings in die Tiefe herab; dann aber stehen immer Wachen auf den vorragendsten Felsspitzen, und ein Warnungszeichen von diesen ist hinreichend, die eiligste Flucht der ganzen Gesellschaft zu veranlassen.

Hinsichtlich ihrer Bewegungen und ihres Wesens erscheinen die Klippschliefer gewissermaßen als Mittelglieder zwischen den plumpen Vielhufern und den behenden Nagern. Wenn sie auf ebenem Boden dahinlaufen, ist ihr Gang verhältnismäßig schwerfällig: sie bewegen die Beine mit jener bekannten Ruhe der Dickhäuter oder besser, sie schleichen nur dicht an der Erde weg, als ob sie fürchteten, gesehen zu werden. Nach einigen wenigen Schritten stehen sie still und sichern; [538] hierauf geht es in derselben Art weiter. Anders ist es, wenn sie erschreckt werden. Dann springen sie in kurzen Sätzen dahin, immer so eilig als möglich dem Felsen zu, und hier nun zeigen sie sich in ihrer vollen Beweglichkeit. Sie klettern meisterhaft. Die Sohlen ihrer Füße sind vortrefflich geeignet, hierin sie zu unterstützen. Der Ballen ist weich, aber dennoch rauh, und deshalb gewährt jeder Tritt die bei schneller Bewegung auf geneigten Flächen unbedingt nothwendige Sicherheit. Mich haben die Klippschliefer lebhaft an die Eidechsen mit Klebefingern, die sogenannten Gekos, erinnert. Obwohl sie nicht, wie diese beweglichen Thiere, an der unteren Seite wagerechter Flächen hingehen können, geben sie ihnen doch im übrigen nicht das geringste nach. Sie laufen aufwärts oder kopfunterst an fast senkrechten Flächen mit derselben Sicherheit dahin, als ob sie auf ebenem Boden gingen, kleben sich an halsbrechenden Stellen förmlich an den Felsen an, steigen in Winkeln oder Ritzen äußerst behend auf und nieder, halten sich auch an jeder beliebigen Stelle fest, indem sie sich mit dem Rücken an die eine Wand der Ritze, mit den Beinen aber an die andere stemmen. Dabei sind sie geübte und gewandte Springer. Auf Sätze von drei bis fünf Meter Höhe kommt es ihnen nicht an; man sieht sie selbst an acht bis zehn Meter hohen, senkrechten, ja überhängenden Wänden nach Art der Katzen herabgleiten, indem sie etwa Dreiviertel der Höhe an der Wand herunterlaufen und dann, plötzlich von ihr abspringend, mit aller Sicherheit auf einem neuen Steine fußen.

Skelett des Klippschliefers (Brehms Tierleben)

Wie mir, erschien auch Schweinfurth die unerreichte Beweglichkeit und Kletterfertigkeit der Klippschliefer im höchsten Grade befremdlich, bis ein Zufall ihm das bis dahin unerklärte Räthsel löste. Von einem eingebornen Jäger darauf aufmerksam gemacht, daß ein angeschossener Klippschliefer im Todeskampfe so innig an den glatten Felsen sich klammere, als wäre er festgewachsen, erfuhr er die Thatsächlichkeit dieser Behauptung, als er einen von ihm verwundeten Aschkoko von der Felsenplatte abheben wollte und auf einen so bedeutenden Widerstand stieß, daß eine merkliche Kraftanstrengung dazu gehörte, denselben zu überwinden. Genaue Untersuchung der wie Kautschuk spann- oder federkräftigen Sohlen überzeugte unseren, wie immer scharf beobachtenden Forscher, daß der Klippschliefer im Stande ist, durch beliebige Einziehung und Ausdehnung der mittleren Spalte seiner Sohlenpolster an die glatte Oberfläche sich ansaugen zu können. Mit Recht hebt Schweinfurth hervor, daß eine derartige Befähigung, wie sie bei Kriechthieren und Lurchen vorkommt, bei Säugethieren und Warmblütern überhaupt geradezu unerhört ist.

Das Betragen der Klippschliefer deutet auf große Sanftmuth, ja fast Einfalt, verbunden mit unglaublicher Aengstlichkeit und Furchtsamkeit. Sie sind höchst gesellig; denn man sieht sie fast niemals einzeln oder darf, wenn dies wirklich der Fall sein sollte, bestimmt darauf rechnen, daß die übrigen Glieder der Gesellschaft eben nicht zur Stelle sind. An dem einmal gewählten Wohnplatze halten sie treulich fest, derselbe mag so groß oder so klein sein, als er will. Zuweilen genügt ihnen ein einzelner großer Felsblock; man sieht sie höchstens heute auf dieser, morgen auf jener Seite desselben. Bei gutem Wetter lagern sie sich reihenweise in der faulsten Stellung auf passende Steine, die Vorderfüße eingezogen, die hinteren weit ausgestreckt, wie Kaninchen manchmal zu thun pflegen. Einige Wachen bleiben aber auch dann ausgestellt.

Es scheint, daß die Klippschliefer keine Kostverächter sind und unglaublich viel verzehren. Ihre an würzigen Gebirgs- und Alpenpflanzen reiche Heimat läßt sie wohl niemals Mangel leiden. Ich sah sie wiederholt am Fuße der Felsen weiden und zwar ganz in der Weise, wie Wiederkäuer zu thun pflegen. Sie beißen die Gräser mit ihren Zähnen ab und bewegen die Kinnladen so, wie die Zweihufer thun, wenn sie wiederkauen. Einige Forscher haben geglaubt, daß sie wirklich die eingenommenen Speisen nochmals durchkauen; ich habe aber hiervon bei allen denen – bei den ruhenden wenigstens – welche ich sehr genau beobachten konnte, niemals etwas bemerkt. Wie es scheint, trinken sie nicht oder nur sehr wenig. Zwei Orte in der Nähe des Bogosdorfes Mensa, welche von Klippschliefern bewohnt sind, liegen in einer auf bedeutende Strecken hin [539] vollkommen wasserlosen Ebene, welche die furchtsamen Thiere sicherlich nicht zu überschreiten wagen. Zur Zeit, als ich sie beobachtete, regnete es freilich noch wiederholt, und sie bekamen hierdurch Gelegenheit zum Trinken; allein die Bewohner des Dorfes versicherten mich, daß jene Klippschliefer auch während der Zeit der Dürre ihre Wohnsitze nicht verlassen. Dann gibt es nirgends einen Tropfen Wasser, und höchstens der Nachtthau, mit welchem bekanntlich viele Thiere sich begnügen, bleibt noch zur Erfrischung übrig.

Weil das Weibchen sechs Zitzen hat, glaubte man früher, daß die Klippschliefer eine ziemliche Anzahl von Jungen zur Welt bringen. Ich bezweifelte von jeher die Richtigkeit dieser Ansicht. Unter den zahlreichen Gesellschaften, welche ich sah, gab es so außerordentlich wenig Junge, daß man hätte annehmen müssen, es befänden sich unter der ganzen Menge nur zwei oder drei fortpflanzungsfähige Weibchen, und dies war doch entschieden nicht der Fall. Auch habe ich niemals beobachtet, daß eine Alte von mehreren Kleinen umringt gewesen wäre. Aus diesem Grunde glaubte ich annehmen zu dürfen, daß jedes Weibchen nur ein Junges wirft, bin jedoch durch Schweinfurth belehrt worden, daß es deren zwei, und zwar in einem sehr entwickelten Zustande zur Welt bringt. Diese Angabe stimmt überein mit einer Mittheilung Reads, welcher im Kaplande mehrmals beobachtete, daß zwei Junge der Alten folgten.

Die Jagd der Klippdachse verursacht keine Schwierigkeiten, falls man die ängstlichen Geschöpfe nicht bereits wiederholt verfolgt hat. Es gelingt dem Jäger gewöhnlich, eine der in geeigneter Entfernung sitzenden Wachen herabzudonnern. Nach einigen Schüssen wird die Herde freilich sehr ängstlich, flieht schon von weitem jeden Menschen und zeigt sich nur in den höchsten Spalten des Felsens. Unglaublich groß ist die Lebenszähigkeit der kleinen Gesellen; selbst sehr stark verwundete wissen noch eine Ritze zu erreichen, und dann ist gewöhnlich jedes weitere Nachsuchen vergebens.

Nur in Arabien und am Vorgebirge der Guten Hoffnung werden Klippschliefer ihres wie Kaninchenfleisch schmeckenden Wildprets halber gefangen. Auf der Halbinsel des Sinai tiefen die Beduinen eine Grube ab, füttern sie mit Steinplatten aus und richten einen steinernen Falldeckel mit Stellpflöcken her. Ein Tamariskenzweig, welcher als Lockspeise dient, hebt, sobald er bewegt, bezüglich angefressen wird, die Stellpflöcke aus; der Deckel schlägt nieder, und das unkluge Gebirgskind sitzt in einem Kerker, dessen Wände seinen schwach bekrallten, zum Graben unfähigen Pfoten unbesieglichen Widerstand leisten. Auf diese Weise bekam Ehrenberg während seines Aufenthalts im Steinigten Arabien sieben Stück lebendig in seine Gewalt. Die Kaffern fangen, wie Kolbe berichtet, Klippdachse mit den Händen (?). Ein Gastfreund jenes alten guten Beobachters besaß einen neunjährigen Sklaven, welcher das Vieh hütete und dabei die Steinberge oft bestieg. Dieser brachte zuweilen so viel von seinem Lieblingswilde nach Hause, daß er es kaum tragen konnte und allgemeine Verwunderung erregte, weil man die zum Fange so behender Geschöpfe nothwendige Geschicklichkeit sich nicht erklären konnte. Später richtete der Knabe einen Hund ab, welcher ihn beim Fangen unterstützte. Tellereisen, vor die Ausgänge mancher besonders beliebten Spalten gelegt, würden wohl auch gute Dienste leisten.

Mehrere Reisende erzählten von Gefangenen, welche sie besaßen. Graf Mellin vergleicht einen von ihm gezähmten Klippschliefer mit einem Bären, welcher nicht größer als ein Kaninchen ist. Er nennt ihn ein vollkommen wehrloses Wesen, welches sich weder durch eine schnelle Flucht retten, noch durch seine Zähne oder Klauen vertheidigen kann. Ich stimme dieser Angabe, nach dem, was ich an verwundeten (angeschossenen) Klippschliefern beobachtete, vollkommen bei; Ehrenberg dagegen versichert, daß der »Wabbr« sehr bissig wäre. Mellins Gefangener biß sich zwar manchmal knurrend mit einem kleinen Schoßhündchen herum, konnte diesem aber nichts anhaben. Wenn man ihn in den Hof brachte, wählte er sogleich einen finsteren Winkel desselben aus, am liebsten einen Haufen Mauersteine, zwischen denen er ein Versteck suchte. Das Fenster war sein Lieblingsaufenthalt, obgleich er hier oft großes Leid auszuhalten hatte; denn, wenn nur eine Krähe oder eine Taube vorbeiflog, gerieth er in Angst und lief eilend seinem Kasten zu, um dort sich zu verstecken. Niemals nagte er an den Sprossen seines Käfigs oder an dem Bande, woran er befestigt worden war. Manchmal sprang er auf die Tische und benahm sich hier so vorsichtig, daß er nichts umwarf, auch wenn der ganze Tisch voll Geschirr war. Brod, Obst, Kartoffeln und andere, rohe wie gekochte Gemüse fraß er gern; Haselnüsse, welche man ihm aufschlagen mußte, schienen eine besondere Leckerei für ihn zu bilden. Stets hielt er sich sehr reinlich. Harn und Losung setzte er immer an demselben Orte ab, und verscharrte beides wie die Katzen. Wenn man ihm Sand gab, wälzte er sich in demselben herum, wie Hühner zu thun pflegen. So lange man ihn angebunden hielt, war er träge und schläfrig; sobald er freigelassen wurde, sprang er den ganzen Tag im Zimmer umher, von einem Ort zum anderen, besonders gern auf den warmen Ofen, wo er behaglich sich hinstreckte. Sein Gehör war sehr leise: er konnte sowohl die Stimme, als auch den Gang von denjenigen unterscheiden, zu welchen er besondere Neigung hatte. Den Ruf seines Herrn beantwortete er mit einem leisen Pfeifen, kam dann herbei und ließ sich in den Schoß nehmen und streicheln. Read berichtet ähnliches von einem aus dem Kaplande stammenden Klippschliefer. Das Thierchen war mit seinem Geschwister aufgezogen und infolge dessen ungemein zahm und anhänglich geworden, besuchte seinen Gebieter im Bette und schmiegte sich dicht an denselben, um sich an der Wärme zu erquicken, verkroch sich auch zu gleichem Zwecke unter der Weste seines Pflegers, nachdem es bis zur Brusthöhe behend an ihm emporgeklettert war. Sein Geschwister, welches nach England gebracht worden war, suchte ebenfalls gern die Gesellschaft seines Wirtes, war jedoch rastlos, ungemein neugierig und furchtsam. Jeder Gegenstand des Zimmers wurde genau untersucht, jeder eintretende Mensch beschnüffelt und beklettert; das geringste Geräusch aber scheuchte das Thierchen sofort in sein Versteck. Engere Haft machte es verdrießlich und bissig, ihm gewährte Freiheit, welche es niemals mißbrauchte, munter und lebendig. Mit Sonnenuntergang kroch es in seinen Schlafraum, knusperte jedoch zuweilen noch an etwas genießbaren herum und stieß auch inmitten der Nacht, wohl durch Träume beängstigt, schwache Schreie aus. Beim Fressen zeigte es sich wählerisch und lecker, nahm, wenn es sein konnte, bald von dieser, bald von jener Pflanze einige Blättchen, leckte gierig ihm gereichtes Salz und trank leckend und saugend von dem ihm vorgesetzten Wasser. Unterwegs hatte man es mit gequetschtem Mais, Brod, rohen Kartoffeln und Zwiebeln gefüttert, in England fraß es von den verschiedensten Pflanzenstoffen. Gegen die Kälte zeigte es sich so empfindlich, daß es schon, wenn man eine Kerze unmittelbar neben das Gitter seines Käfigs stellte, herbeikam und sich drehte und wendete, um jedem Theil seines Leibes die geringe Wärmeausstrahlung zukommen zu lassen. Diese Frostigkeit erklärt es wahrscheinlich, daß so wenige von den auf unseren Thiermarkt gelangenden Klippschliefern längere Zeit bei uns zu Lande aushalten und von ihnen bis jetzt nur ein einziges Pärchen Junge gebracht hat. So anspruchslos die Gefangenen im allgemeinen sind, Wärme gehört zu ihren unabweislichen Bedürfnissen, und sie gehen ein, wenn sie derselben entbehren müssen.

Die Beduinen des Steinigten Arabien lieben, wie bemerkt, das Fleisch der Klippschliefer in hohem Grade. Gefangene tödten sie sofort, weiden sie, wie die anderweitig mit dem Gewehr erlegten, an Ort und Stelle aus und füllen die Leibeshöhlen mit wohlriechenden Alpenkräutern an, ebensowohl um das Fleisch schmackhafter zu machen, als um es länger vor der Verwesung zu bewahren. Eine sonstige Benutzung des Thieres kennen diese Leute nicht, wohl aber die Kapbewohner, welche auch anderes vom Klippschliefer zu verwenden wissen. Noch heutigen Tages kommt die immer mit Harn gemischte Losung, welche von holländischen Ansiedlern »Dassenpiß« oder Dachsharn genannt wird, unter dem Namen Hyraceum in den Handel, und selbst in Europa gibt es Aerzte, welche bei gewissen Nervenkrankheiten den »Dachsharn« als Arzneimittel verordnen. Schade nur, daß es auch mit diesem Mittel geht, wie mit vielen anderen, welche aus dem Thierreiche stammen: seine Wirkung beruht eben auf der Einbildung. Für den Fall aber, daß mit dem Hyraceum wirklich ein Geschäft zu machen ist, will ich meinen Lesern mittheilen, daß man auf fast allen Felsen der Bogosländer von jenem Arzneimittel so viel einsammeln kann, als man will. Die Klippschliefer leisten, dank ihrer gesegneten Freßlust, wirklich erstaunliches in Erzeugung ihrer Losung, und deshalb liegt diese in verhältnismäßig sehr großen Haufen auf allen Steinen, wo die Thiere sich umhergetrieben haben, und scheffelweise in gewissen Felsenspalten aufgespeichert.

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