Der Eulenschwalm in Brehms Tierleben

Eulenschwalm (Brehms Tierleben)

Der Eulen- oder Riesenschwalm (Podargus humeralis, australis, gracilis und cinereus, Caprimulgus podargus und strigoides), welchen wir den würdigsten Vertreter seiner Sippe nennen dürfen, ist ein Vogel von Krähengröße. Die Federn der ganzen Oberseite sind auf dunkel graubraunem Grunde mit sehr feinen graulichweißen und schwarzen Punkten wie überspritzt, die Schultergegend auf graulichweißem Grunde mit Zickzackquerflecken, Oberkopf, Mantel und Flügeldecken mit schmalen, deutlich hervortretenden, schwarzen Schaftstrichen, die kleinen tiefbraunen Flügeldecken am Buge mit feinen, hellen Spritzpunkten gezeichnet, welche letztere unterseits von einer Reihe graulichweißer, braun punktirter Spitzenflecke begrenzt werden. Die Handschwingen zeigen außen abwechselnd schwarze und graulichweiße, dunkel überspritzte Querbinden; die Armschwingen und Steuerfedern sind auf graubraunem Grunde mit hellen und schwarzen Pünktchen dicht bespritzt und durch undeutliche schmale Fleckenquerbinden, die Untertheile endlich auf graulichweißem Grunde mit braunen Pünktchen und Querflecken sowie mit schmalen schwarzen Schaftstrichen verziert. Letztere bilden auf den Kropfseiten einige größere schwarze Flecke, wel che unterseits von einigen hell graulichweißen Querflecken begrenzt werden. Der Schnabel ist lichtbraun, purpurfarbig überlaufen, der Fuß ölbraun, das Auge gelblichbraun. Mehr über die Färbung des Gefieders zu sagen, ist aus dem Grunde unthunlich, weil mehrere Arten der Sippe sich so außerordentlich ähneln, daß nur durch seitenlange Federbeschreibungen die betreffenden Unterscheidungsmerkmale festgestellt werden können.

Gould und Verreaux haben uns ziemlich ausführliche Mittheilungen über das Leben der Riesenschwalme gegeben. Aus ihnen geht hervor, daß die verschiedenen Arten auch hinsichtlich ihrer Lebensweise fast vollständig sich ähneln, und daß man daher alles, was von einer Art beobachtet wurde, auf die übrigen beziehen darf. »Wir haben«, sagt Gould, »in Australien eine zahlreiche Gruppe von Nachtvögeln dieser Form, welche, wie es scheint, bestimmt sind, die Baumheuschrecken im Schach zu halten. Sie sind feige und träge Gesellen, welche sich ihre Nahrung nicht durch Künste des Fluges, sondern durch einfaches Durchstöbern der Zweige verschaffen. Wenn sie nicht mit dem Fange beschäftigt sind, sitzen sie auf offenen Plätzen, auf Baumwurzeln, Geländern, Dächern, auch wohl auf Leichensteinen der Kirchhöfe und werden deshalb von abergläubischen Leuten als Todesverkündiger betrachtet, wozu ihre unangenehme, rauhe Stimme auch das ihrige beiträgt. Hinsichtlich ihres Brutgeschäftes unterscheiden sie sich auffallend von ihren Verwandten; denn sie erbauen sich ein flaches Nest aus kleinem Reisig auf den wagerechten Zweigen der Bäume.«

Der Riesenschwalm gehört zu den häufigsten Vögeln von Neusüdwales, und es hält deshalb durchaus nicht schwer, ihn zu beobachten. »Er ist das schlafsüchtigste aller Geschöpfe und läßt sich schwerer erwecken als irgend ein anderes. So lange die Sonne am Himmel steht, hockt er schlafend auf einem Zweige, den Leib fest auf seinem Sitz gedrückt, den Hals zusammengezogen, den Kopf zwischen den Schulterfedern versteckt und so bewegungslos, daß er mehr einem Astknorren als einem Vogel gleicht. Ich muß ausdrücklich hervorheben, daß er sich immer der Quere und nicht der Länge nach setzt. Er ist aber so still, und seine düstere Farbe stimmt so genau überein mit der Rindenfärbung und Zeichnung, daß schon eine gewisse Uebung dazu gehört, den großen Vogel bei hellem Tage zu entdecken, obgleich sich dieser gewöhnlich gar nicht versteckt, sondern auf Aesten niederläßt, welche zweiglos sind.«

Der Schlaf des Riesenschwalms ist so tief, daß man einen der Gatten vom Baume herabschießen kann, ohne daß der andere dicht daneben sitzende sich rührt, daß man mit Steinen nach dem Schläfer werfen oder mit Stöcken nach ihm schlagen mag, ohne ihn zum Fortfliegen zu bewegen, daß man im Stande ist, ihn mit der Hand zu ergreifen. Gelingt es wirklich, ihn aufzuscheuchen, so entwickelt er kaum soviel Thatkraft, daß er sich vor dem Herabfallen auf den Boden schützt. Er flattert scheinbar bewußtlos den nächsten Zweigen zu, klammert sich dort fest und fällt sofort wieder in Schlaf. Dies ist die Regel; doch kommt es ausnahmsweise vor, daß ein Schwalm auch bei Tage eine kleine Strecke durchfliegt.

Ganz anders zeigt sich der Vogel, wenn die Nacht hereinbricht. Mit Beginn der Dämmerung erwacht er aus seinem Schlafe, und nachdem er sich gereckt und gedehnt, die Federn geordnet und geglättet hat, beginnt er umherzuschweifen. Nunmehr ist er das gerade Gegentheil von dem, was er übertages war: lebendig, munter, thätig, rasch und gewandt in allen seinen Bewegungen, emsig bemüht, Beute zu gewinnen. Rasch rennt er auf den Zweigen dahin und nimmt hier die Heuschrecken und Cikaden auf, welche sich zum Schummer niedergesetzt; nach Spechtesart hämmert er mit dem Schnabel an der Rinde, um die dort verborgenen zum Vorscheine zu bringen; ja, er schlüpft wohl selbst in das Innere der Baumhöhlungen, um auch hier nach Nahrung zu suchen. Man kann nicht eben behaupten, daß er ein besonders guter Flieger sei: sein Flug ist vielmehr kurz und abgebrochen, wie es die verhältnismäßig kurzen Schwingen erwarten lassen; ungeschickt aber ist er durchaus nicht: denn er fliegt spielend zu seinem Vergnügen von Baum zu Baum. Mit einbrechender Nacht endigt dieses Vergnügen. Dann bewegt er sich höchstens noch im Gezweige der Bäume, hier alles durchschnüffelnd. Gould meint, daß die Riesenschwalme nur Kerbthiere fressen, Verreaux hingegen versichert, daß sie auch anderer Beute nachstreben. Während des Winters ziehen sie sich die versteckten Kerfe aus den Ritzen und Spalten der Bäume hervor; mangelt ihnen diese Nahrung, so begeben sie sich nach den Morästen, um dort Schnecken und andere kleine Wasserthiere zu suchen. Während der Brutzeit rauben sie junge Vögel, tödten sie, wenn sie ihnen zu groß sind, nach Art der Baumeisvögel, indem sie dieselben mit dem Schnabel packen und wiederholt gegen den Ast schlagen, und schlucken sodann den Leichnam ganz hinunter. Ihre Jagd währt nur, so lange es dämmert; bei dunkler Nacht sitzen sie ruhig auf einem und demselben Aste. Einige Stunden vor Tagesanbruch jagen sie zum zweiten Male, ganz wie die Ziegenmelker auch thun.

Die Stimme des Männchens ist laut und unangenehm, für den, welcher sie zum ersten Male hört, überraschend. Sie soll, nach Verreaux, dem Ruksen der Tauben ähneln. Am lautesten und eifrigsten schreien die Schwalme selbstverständlich während der Paarungszeit. Dann gibt ihr Ruf das Zeichen zum Streite. Sobald ein anderes Männchen herbeikommt, entspinnt sich heftiger Kampf, bis einer unbestrittener Sieger bleibt. Die Fortpflanzungszeit fällt in den Juli und August. Die Paarung selbst geschieht in der Dämmerung; nach ihr bleiben beide Geschlechter dicht nebeneinander sitzen und verharren unbeweglich, bis ihre Jagd von neuem beginnt. Das kleine, flache Nest wird aus seinen Zweigen zusammengebaut und zwar von beiden Gatten eines Paares. Es ist ein erbärmlicher Bau, welcher innen nur mit einigen Grashalmen und Federn belegt wird. Gewöhnlich steht es sehr niedrig, etwa zwei Meter über dem Boden in der Gabel eines Baumastes, so daß es bequem mit der Hand erreicht werden kann. Die zwei bis vier länglichen, reinweißen Eier sieht man, wie die mancher Tauben, von unten durchschimmern. Beide Geschlechter theilen sich in das Geschäft der Brut; das Männchen brütet gewöhnlich nachts, das Weibchen bei Tage. Ersteres sorgt allein für die ausgebrütete Familie. Ist das Nest den Sonnenstrahlen zu sehr ausgesetzt und sind die Jungen so groß, daß die Mutter sie nicht mehr bedecken kann, so werden sie von den Alten aufgenommen und in eine Baumhöhle gebracht. Diese Sorgfalt ist aus dem Grunde bemerkenswerth, weil die Alten sich auf ihren Schlafplätzen den Einwirkungen des Wetters rücksichtslos preisgeben. Anfang November verlassen die Jungen das Nest, bleiben aber wahrscheinlich noch längere Zeit in Gesellschaft ihrer Eltern.

Bei fühlbarer Kälte trifft man zuweilen einzelne freilebende Schwalme über acht Tage lang auf einem und demselben Aste an, so ruhig und unbeweglich, als ob sie im Winterschlafe lägen. Sie erwachen dann höchstens, wenn man sie anrührt. Dies ist von Gould beobachtet und von Verreaux bestätigt worden. »Obgleich ich nicht vollständige Gewißheit darüber habe«, sagt der erstgenannte, »daß dieser Vogel in gewissen Abschnitten des Jahres eine Art von Winterschlaf hält, so kann ich doch eine Beobachtung nicht verschweigen, die nämlich, daß er sich manchmal zurückzieht und längere Zeit in Baumhöhlen verbleibt. Meine Annahme erklärt es auch, daß einzelne Schwalme, welche ich erhielt, ganz außerordentlich fett waren, so sehr, daß mich dies von dem Aufbewahren ihrer Bälge abhielt. Ich sehe keinen Grund ein, warum nicht auch ein Vogel einen Theil seines Lebens im Winterschlafe zubringen soll, wie so viele Arten von Säugethieren thun, obgleich sie höher stehende Thiere sind, als jene.« Nach meinem Dafürhalten darf man Goulds Ansicht nicht ohne weiteres zu der seinigen machen; denn das Zurückziehen und der höhere Grad von Schlafsucht, welchen die Schwalme zeigen, beweist noch nichts bei Vögeln, welche, wie bemerkt, sich nicht einmal durch einen unmittelbar vor ihnen abgefeuerten Schuß aus ihrem schlaftrunkenen Zustande erwecken lassen.

Jung aus dem Neste genommene Schwalme werden, wie Verreaux angibt, bald zahm, lernen ihren Gebieter kennen, setzen sich auf seinen Kopf, kriechen in sein Bett, jagen auch wohl andere Thiere aus demselben und ändern ihr Wesen nach einiger Zeit insoweit, daß sie selbst bei Tage fressen. In der Neuzeit sind mehrere dieser gefangenen nach Europa gebracht worden. Der erste lebende Schwalm kam im Jahre 1862 nach London, ein zweiter im Jahre 1863 nach Amsterdam. Einen dritten erhielt ich selbst kurze Zeit darauf, und da ich außerdem in den letzten Jahren mehrere gepflegt und andere beobachtet habe, vermag ich aus eigener Erfahrung über das Gefangenleben des Vogels zu sprechen. Der erste, welchen ich besaß, war so zahm, daß er mir nicht nur das Futter aus der Hand nahm, sondern auch ohne Widerstreben sich ergreifen, auf die Hand setzen und im Zimmer umhertragen ließ, ohne daß er Miene machte, seinen Platz zu verlassen. Aber auch alle übrigen zeichneten sich durch stille Ruhe und behäbige Trägheit aus. Bei Tage sitzt der gefangene Schwalm, wie er in der Freiheit gewohnt, regungslos auf einer und derselben Stelle in der von Gould beschriebenen Haltung; so tief, wie genannter Forscher behauptet, schläft er aber nicht, läßt sich vielmehr schon durch Anrufen ermuntern, und wenn sein Pfleger sich an ihn wendet, ist er sogleich bei der Hand. Von meinem ersten Pfleglinge vernahm ich anfänglich nur ein leises Brummen, einem langgezogenen »Humm« etwa vergleichbar, vermuthete, daß dieser sonderbare Laut sein Lockruf sei, und versuchte durch Nachahmung desselben seine Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Der Erfolg übertraf meine Erwartungen; denn der Schwalm rührte sich nicht nur nach dem Anrufe, sondern antwortete auch sofort und zwar regelmäßig, so oft ich meinen Versuch wiederholte. Hielt man ihm dann eine Maus oder einen kleinen Vogel vor, so bewegte er sich wiegend hin und her, brummte lebhafter, richtete die weitgeöffneten Augen starr auf den leckeren Bissen und flog schließlich auch von seiner Stange herab, um diesen in Empfang zu nehmen. Fette Maden, welche ich ihm zuweilen reichte, wurden von ihm nicht bloß aufgelesen, sondern auch aus dem Sande hervorgezogen. Er verschlingt seine Beute ganz und ist fähig, eine große Maus oder einen feisten Sperling, von dem die Flügel entfernt sind, hinabzuwürgen. Letzteres geschieht sehr langsam: von einer verschlungenen Maus z.B. ragt die Schwanzspitze oft eine halbe Stunde lang aus seinem Schnabel hervor, bevor sie verschwindet. Seine Verdauung ist vortrefflich; man findet deshalb auch nur selten kleine Gewölle im Käfige. Daß er bei Tage nicht bloß gut, sondern auch scharf in die Ferne sieht, konnte ich wiederholt beobachten. Der eine, welchen ich pflegte, vermochte von seinem Käfige aus einen Teich zu überblicken, auf welchem Wasservögel umherschwammen. Sie erregten sehr oft seine Aufmerksamkeit; namentlich die auf das Wasser einfallenden Flugenten schienen ihn anzuziehen. Er sah scharf nach ihnen hin und bewegte seinen Kopf nach Art des Käuzchens hin und her oder auf und nieder, wie er überhaupt that, wenn er seine Erregung kundgeben wollte. Nach Sonnenuntergang wird der Schwalm lebhafter, bewegungslustig zeigt er sich jedoch auch dann nicht. Nachdem er gefressen hat, bleibt er mehr oder weniger ruhig auf seinem Platze sitzen; aber er brummt dann öfter als sonst und auch in anderer Weise. Seine Stimme wird hörbarer, und die einzelnen Laute ertönen mehr im Zusammenhange. Dann gleicht das Gebrumme allerdings dem Ruksen einer Taube, am täuschendsten dem eines Trommlers.

Sehr auffallend geberdete sich mein gefangener Schwalm, als ich ihn in einen kleinen Käfig mit Vögeln setzte. Er mochte sich erinnern, daß er während seines Freilebens mancherlei Anfechtungen von dergleichen Gesindel erlitten hatte und oft als Eule angesehen worden war. Als er sich in so zahlreicher Gesellschaft sah, streckte er sich lang aus, indem er den Hals weit vorschob und den Schnabel so richtete, daß er die eine, der Schwanz die andere Spitze des gerade gehaltenen Leibes bildete. Dabei stieß er ein, von seinem Gebrumme durchaus verschiedenes Geschrei aus, welches durch die Silben »Krä, krä, krärä, kräkä, kräkä, kräkäkäk« ungefähr ausgedrückt werden kann. Ab und zusperrte er auch das Maul weit auf, gleichsam in der Absicht, die Vögel zu schrecken, wie überhaupt sein ganzes Gebaren mehr auf Abwehr als auf Lust zum Angriff deutete. Einen Sperling, welcher ihm zu nahe kam, packte er mit dem Schnabel und schüttelte ihn tüchtig hin und her; doch gelang es dem Spatz, wieder frei zu kommen. Mit mehreren anderen Sperlingen war er tagelang zusammen gesperrt, hatte sich aber nicht an ihnen vergriffen. Demungeachtet zweifle ich nicht im geringsten, daß er Vögel frißt; junge, unbehülfliche nimmt er höchst wahrscheinlich ohne Umstände aus den Nestern.

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