Ausgestorbene Vögel (Spätquartäre Avifauna) 5

Der Kuba-Kranich (Grus cubensis) ist eine ausgestorbene Kranich-Art, die vom Mittelpleistozän bis zum Beginn des Holozäns auf Kuba vorkam. Das umfangreiche Typusmaterial, das aus über 450 Schädel- und Skelettüberresten besteht, wurde im Sommer 1967 vom deutschen Paläontologen Karlheinz Fischer vom Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität zu Berlin und seinen Kollegen von der Universität von Havanna in der Karsthöhle Pío Domingo in der Nähe des Dorfes Sumidero in der westkubanischen Provinz Pinar del Río entdeckt. Weiteres Material stammt aus der Sandoval-Höhle bei Caimito in der Provinz Artemisa, aus der Indio-Höhle bei San José des las Lajas in der Provinz Mayabeque und vom Fundort Las Breas de San Felipe in der Provinz Matanzas.
Der Kuba-Kranich war größer als der Schreikranich, der Kanadakranich und der ebenfalls ausgestorbene Bermuda-Kranich. Weitere Unterscheidungsmerkmale sind der viel breitere Schnabel, die stämmigen Unterschenkel und das reduzierte Brust- und Flugskelett, was eine Flugunfähigkeit vermuten lässt. Die Oberarmknochengröße ist im Durchschnitt die gleiche wie bei Grus latipes, aber der Humeruskopf ist niedriger und nicht so hervorstehend. Der Deltoidkamm erscheint niedriger, dafür länger. Der Carpometacarpus ist etwas kürzer und schwächer ausgebildet. Der Tarsometatarsus ist insgesamt größer, länger und stärker. Verglichen mit dem Kranich ist der Schädel bedeutend größer und der Hirnschädel etwas breiter. Das Brustbein zeigt nur eine mäßige Aushöhlung der Crista für die Luftröhre.
Im Jahr 2001 beschrieben Storrs Lovejoy Olson und Pamela C. Rasmussen die Überreste einer großen Kranich-Art aus den Pliozän-Ablagerungen der Fossillagerstätte Lee Creek Mine in North Carolina. Sie bezeichneten die Art vorläufig als Grus aff. antigone. Die Länge des Tibiotarsus entspricht in etwa der des Saruskranich (Antigone antigone). 1995 beschrieb Steven D. Emslie den Tibiotarsus einer großen Kranichart aus dem Pleistozän der Fossillagerstätte Leisy Shell Pit in Hillsborough County, Florida. Auch dieser Knochen entspricht der Größe des Tibiotarsus vom Saruskranich. Er zeigt jedoch auch Ähnlichkeiten mit dem Tibiotarsus des Kuba-Kranichs. Der kubanische Paläontologe William Suárez vermutet, dass sich ein dem Saruskranich ähnlicher nordamerikanischer Kranich über Florida nach Kuba ausbreitete und dort seine Flugfähigkeit einbüßte.
Kuba war im Pleistozän eine kleinere Insel als in der heutigen Zeit. Die Pluvialzeit schuf in den Sumpfregionen geeignete Lebensbedingungen. Da große Raubsäuger als Fressfeinde fehlten, konnte diese Kranichart ihre Kräfte für Flugleistungen einsparen und verlor somit nach und nach ihre Flugfähigkeit. Gleichzeitig kam es zu einer Zunahme der Körpergröße und des Körpergewichtes.
Der Kuba-Kranich starb möglicherweise im frühen Holozän aus, als die ersten Menschen Kuba besiedelten und flugunfähige Vögel, wie die Rallenart Nesotrochis picapicensis aber auch der Kuba-Kranich eine einfach zu erlegende Beute waren. Heute kommt auf Kuba nur eine Unterart des Kanadakranichs vor.

Die Schnepfenralle (Capellirallus karamu) ist eine ausgestorbene, flugunfähige Rallenart, die auf der Nordinsel Neuseelands endemisch war. Das Artepitheton leitet sich von der ungefähr 21 km von Hamilton entfernt gelegenen Karamu Cave ab, wo 1954 das Typusmaterial entdeckt wurde.
Die Schnepfenralle war eine relativ kleine Ralle, die im Vergleich zu ihrer Körpergröße einen sehr langen Schnabel von 7 Zentimeter Länge aufwies. Ihr Gewicht betrug ungefähr 240 Gramm. Das Typusmaterial besteht aus einem unvollständigen Skelett, Wirbelknochen und dem Becken. Inzwischen wurden jedoch an verschiedenen Stellen der Nordinsel vollständige Skelette mit hunderten von Knochen gefunden. Die Schnepfenralle nimmt eine besondere Stellung innerhalb der neuseeländischen Rallenarten ein. Ihre evolutionären Beziehungen zu anderen Rallenarten sind unklar, aber die Beschaffenheit der Knochen lässt vermuten, dass sie nahe mit der ebenfalls ausgestorbenen Chathamralle verwandt war. Gemessen an ihrer Größe hatte die Schnepfenralle die kleinsten Flügel von allen bekannten Rallenarten. Auch hatte sie eine verhältnismäßig großen Tarsometatarsus.
Die meisten Knochenfunde stammen aus den westlichen Regionen der Nordinsel, wo feuchte, geschlossene Regenwälder vorherrschten. Der lange Schnabel lässt vermuten, dass sie ähnlich wie die Kiwis den Boden mit ihrem Schnabel nach Nahrung absuchen konnten.
Durch ihre Flugunfähigkeit war die Schnepfenralle eine leichte Beute für die Pazifische Ratte, die ab dem 13. Jahrhundert in Neuseeland eingeschleppt wurde.

Nesotrochis debooyi ist eine ausgestorbene Rallenart, die auf Puerto Rico und den Amerikanischen Jungferninseln vorkam.
Im Juli 1916 entdeckte der amerikanische Archäologe Theodoor de Booy in Muschelhaufenablagerungen in Richmond nahe Christiansted auf Saint Croix Oberschenkelknochen und Tibiotarsi einer bis dato unbekannten, ausgestorbenen Rallenart, die 1918 von Alexander Wetmore wissenschaftlich beschrieben wurde. In der Folgezeit wurden in Höhlen auf Saint Thomas und Puerto Rico weitere Knochen dieser Ralle gefunden, die Humeri sowie Reste des Beckens, des Kreuzbeins und des Mittelfußknochens enthielten. Die sehr dünne Beschaffenheit der Humeri legt den Schluss nahe, dass Nesotrochis debooyi flugunfähig war. Wetmore vermutete eine nahe Verwandtschaft zwischen den Gattungen Nesotrochis und Aramides, obwohl sich Nesotrochis debooyi hinsichtlich der kräftigeren Beine und der schwachen Flügel von den Rallen der Gattung Aramides unterschied. Nesotrochis debooyi erreichte ungefähr die Größe eines kleinen Haushuhns.
Bei den Arawak-Indianern war das Fleisch so begehrt, dass sie diese Ralle, die ursprünglich nur auf Puerto Rico vorkam, in Gefangenschaft aufzogen und auf die Jungferninseln brachten. Die Rallen wurden mit Hunden gejagt, und es war offenbar sehr einfach, sie mit den Händen zu greifen. Allgemein wird angenommen, dass Nesotrochis debooyi vermutlich in präkolumbischer Zeit auf Puerto Rico und den Jungferninseln ausstarb, jedoch könnten sich Überlieferungen von einem leicht zu fangenden Vogel namens carrao, die Alexander Wetmore 1912 auf Puerto Rico mitbekommen hatte, auf diesen Vogel beziehen. Heute wird der Name carrao hauptsächlich für den Rallenkranich verwendet.
Nesotrochis debooyi galt lange als einziger Vertreter der Gattung Nesotrochis. 1971 beschrieben die deutschen Paläontologen Burkhard Stephan und Karlheinz Fischer die fossilen Überreste eines bis dahin unbekannten Rallenvogels von der Insel Kuba und nannten ihn zunächst Fulica picapicensis. 1974 erkannte Storrs Lovejoy Olson die engen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen der kubanischen Form, einer weiteren ausgestorbenen Ralle von der Insel Hispaniola mit dem Namen Nesotrochis steganinos sowie Nesotrochis debooyi, und verfasste daraufhin eine Revision der Gattung Nesotrochis. Mit dem Artepitheton wird der Archäologe Theodoor de Booy geehrt.

Porphyrio mcnabi ist ein ausgestorbenes Purpurhuhn, das auf der zu den Gesellschaftsinseln gehörenden Insel Huahine endemisch war. Das Artepitheton ehrt den Zoologen Brian K. McNab, der über die Evolution und physiologische Ökologie flugunfähiger Vögel, insbesondere Rallen, auf den Pazifikinseln forschte. Die subfossilen Überreste wurden in der Fundstelle Faʻahia zu Tage gefördert.
Der Holotypus ist ein nahezu vollständiger rechter Oberschenkelknochen. Die Paratypen umfassen einen distalen linken Oberschenkelknochen und einen linken Oberschenkelknochen, bei dem das distale Ende fehlt. Porphyrio mcnabi war ein kleines Purpurhuhn. Es hatte eine ähnliche Körpergröße wie das Zwergsultanshuhn und der ebenfalls ausgestorbene Koau. Es war größer als das Bronzesultanshuhn und das Azursultanshuhn, aber kleiner als die ausgestorbene Nordinseltakahe, die Südinseltakahe, das gewöhnliche Purpurhuhn und das ausgestorbene Neukaledonische Purpurhuhn. Es ist wahrscheinlich, dass die drei Oberschenkelknochen zu einem adulten Weibchen, einem juvenilen Männchen und einem weiteren juvenilen Vogel gehören. Aufgrund fehlender Skelettelemente des Flugapparates und des Schultergürtels lässt sich nicht schlüssig feststellen, ob Porphyrio mcnabi flugfähig war oder nicht.
Porphyrio mcnabi ist vermutlich während der frühen Besiedlung der Gesellschaftsinseln durch den Menschen zwischen 700 und 1200 n. Chr. ausgestorben.

Die Ibiza-Ralle (Rallus eivissensis) ist eine ausgestorbene Rallenart, die auf der zu den Pityusen gehörenden Insel Ibiza endemisch war. Das Artepitheton bezieht sich auf Eivissa, die katalanische Bezeichnung für Ibiza.
Die Ibiza-Ralle wurde 2005 auf der Basis von 161 Knochenfragmenten beschrieben, die zwischen 1988 und 1993 in Spätpleistozän/Holozän-Ablagerungen in der Fossillagerstätte Es Pouàs bei Santa Agnès de Corona im Nordwesten von Ibiza gefunden wurden. Sie war nahe mit der Wasserralle verwandt, die Körperform war jedoch etwas gedrungener und plumper. Die relativ kleinen Flügel lassen den Schluss zu, dass diese Ralle kaum flugfähig war. Die Beine waren kurz und robust. Im Verhältnis zur Schädelgröße war der Schnabel etwas kürzer als bei der Wasserralle.
Im Spätpleistozän und im frühen Holozän waren die Pityusen durch eine vielfältige Avifauna charakterisiert. Fressfeinde gab es nicht, da Säugetiere und Reptilien auf den Inseln fehlten. Deshalb konnte sich auf Ibiza eine Inselform der Wasserralle mit einem stark eingeschränkten Flugapparat entwickeln.
Die Ibiza-Ralle ist die erste endemische Vogelart der Pityusen, die im Holozän ausgestorben ist. Das Alter der gefundenen Knochen wird auf zwischen 5.300 und 16.700 Jahre vor Chr. datiert. Aufgrund der vermutlich kleinen Population und der eingeschränkten Flugfähigkeit der Ibiza-Ralle wird ein Aussterben während der frühen Besiedelung Ibizas im Zeitraum zwischen 4.350 und 1.880 vor Chr. für wahrscheinlich gehalten.

Die Niue-Ralle (Gallirallus huiatua) ist mit 25 cm Größe eine mittelgroße, ausgestorbene Ralle. Das Art-Epitheton ist abgeleitet von hui-atua, einem zusammengesetzten Wort aus der Sprache von Niue. „Hui“ heißt „die Knochen“ und „atua“ bedeutet „der Toten“.
Sie wurde von David William Steadman et al. im Jahr 2000 anhand von nur vier Knochen beschrieben, einem Tarsometatarsus (verwachsene Mittelhandknochen), einen Teil der Elle, dem Schaft des Oberschenkels und dem körperfernen Ende des Tibiotarsus (ein Teil des Fußskeletts), deshalb lässt sich bisher nur wenig über sie sagen. Ihr Körperbau ähnelt keiner der bekannten Gallirallus-Arten mehr als den anderen. Die Maße der Knochen legen nahe, dass die Art flugunfähig war.

Die Mangaia-Ralle (Gallirallus ripleyi) ist eine ausgestorbene Rallenart aus der Gattung Gallirallus. Sie war auf der Insel Mangaia in den südlichen Cook-Inseln endemisch. Das Artepitheton ehrt den US-amerikanischen Ornithologen Sidney Dillon Ripley.
Die Mangaia-Ralle ist nur von subfossilem Material aus der Te Rua Rere Cave im Tavaʻenga-Distrikt auf Mangaia bekannt, das im April 1984 von David William Steadman und Tiria Ngatokorua gefunden wurde.
Das Typusmaterial besteht aus der distalen Hälfte eines Tibiotarsus, einem kompletten Tarsometatarsus, einem Coracoid und dem Unterkiefer.
Die Größe der Knochen lässt den Schluss zu, dass die Mangaia-Ralle ungefähr die Größe der ebenfalls ausgestorbenen Wake-Ralle (Gallirallus wakensis) erreichte. Der Unterkiefer ist dünner als bei den meisten anderen Rallenarten und sieht dem der Wake-Ralle am ähnlichsten. Angesichts der weiten Entfernung zwischen Mangaia und Wake ist diese Ähnlichkeit wahrscheinlich auf die konvergente Entwicklung und die Abstammung von einem ähnlichen Vorfahren zurückzuführen.
Das Coracoid zeigt, dass die Mangaia-Ralle flugunfähig war. Sie starb vermutlich zwischen 1390 und 1470 aus.

Gallirallus gracilitibia ist eine ausgestorbene, kleine bis mittelgroße Ralle aus der Gattung Gallirallus. Sie war zierlicher gebaut als alle anderen Mitglieder dieser Gattung.
Die Merkmale vom Rabenschnabelbein (Coracoid) und Oberarmknochen sowie ihr Größenverhältnis zu den ungewöhnlich zierlichen Beinknochen zeigen an, dass die Art flugunfähig war. Das Epitheton der Art gracilitibia setzt sich aus den lateinischen Worten gracilis für „zierlich, dünn, grazil“ und tibia für das Schienbein zusammen und spielt auf den ungewöhnlich zierlichen Bau des Unterschenkelknochens (Tibiotarsus) dieser Art an. Die Knochen wurden einzeln an derselben Grabungsstätte auf der Insel Ua Huka, die zu den Marquesas-Inseln gehört und im Südostpazifik liegt, gefunden und stammen von mindestens acht verschiedenen Individuen.

Gallirallus epulare ist eine flugunfähige, nur durch Knochenfunde bekannte Ralle von der Insel Nuku Hiva die zu den Marquesas-Inseln im Südostpazifik gehört. Das bemerkenswerteste Merkmal der Art sind die im Verhältnis zu den Beinknochen winzigen Flügelknochen. Während die Beinknochen, denen einer kleinen weiblichen Guamralle sehr ähnlich sind, sind die Flügelknochen wesentlich kleiner als die der Guamralle und sind denen der Wake-Ralle und Mangaia-Ralle wesentlich ähnlicher.
Das Art-Epitheton epulare ist von lateinisch „epularis“ abgeleitet, das „zu einem Bankett gehörend“ bedeutet. Es spielt darauf an, dass die Knochen in einer Fundstätte gefunden wurde, deren Funde sich aus Küchenabfällen der Prähistorischen Polynesier zusammensetzten.

Gallirallus roletti war eine mittelgroße flugunfähige Gallirallus-Art von der Insel Tahuata, die zu den Marquesas-Inseln zählt und im Südostpazifik liegt. Sie war etwa so groß wie Gallirallus owstoni, G. philippensis, G. striatus und G. torquatus. Sie war größer als G. ripleyi und G. wakensis jedoch kleiner als G. australis, G. vekamatolu und G. woodfordi.
Von Gallirallus roletti sind insgesamt 22 Knochen bekannt, von denen die meisten jedoch nicht zusammenhingen, sondern einzeln gefunden wurden. Da bei den Knochenfunden das Brustbein, Schulterblatt und Flügelknochen fehlten, ließ sich die Flugunfähigkeit der Art nur daran ablesen, dass das Rabenbein verhältnismäßig klein und wie bei anderen flugunfähigen Arten der Gattung geformt war.
Die Ralle wurde nach Barry V. Rolett benannt, um ihn für seine Forschung auf den Marquesas-Inseln zu ehren. Seine Grabungen am Grabungsort „Hananiai“ erbrachten die größte und nützlichste auf den Maquesen gefundene Ansammlung an Gallirallus-Knochen.

So klein Rallen auch sind, es scheint, dass sie sehr leicht Opfer des Aussterbens werden. Die hier genannten Arten sind nur ein Teil der bis 1500 ausgestorbenen Arten. Aber das Artensterben ging auch danach weiter und meist ist der Mensch (direkt oder indirekt) dafür verantwortlich. Und es trifft/traf nicht nur die flugunfähigen Arten.
Ausgestorbene Rallen nach 1500

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